Hanns Eisler und die Literatur

 

Ein Beitrag zum 100. Geburtstag des Komponisten (6.Juli 1998)

 

 

 

 

Da aber auch die beste Musik einen vertrackten Drang zur Abstraktheit und Vieldeutigkeit hat, so ist die Musik, das hat Thomas Mann im „Zauberberg“ durch den Mund Settembrinis sehr gut formuliert, der bekanntlich sagt: „Musik an sich ist politisch verdächtig“, am wenigsten geeignet, abstrakt zu bleiben. Im Gegenteil, Musik muß besonders konkret sein, da sie schon von Geburt aus eine Kunst ist, die abstrahiert. Denn würde auch noch der Komponist abstrakt bleiben, gäbe es eine doppelte Abstraktion.

 

 

Wenn Eisler las – und er las viel und gerne – war dies kein bloß rezeptiver Akt.  Als Anhänger von Karl Kraus hatte er früh gelernt, Texte  kritisch zu betrachten. Er hatte deshalb stets einen Stift zur Hand, mit dem er die Vorlagen einstrich oder markierte. Eine Literatur, die ihre Wirkung überwiegend dem Atmosphärisch-Stimmungshaften verdankte, fiel bei Eisler durch. Hier hielt er es wie sein Lehrer Arnold Schönberg, der dem Gedanken ein höheres Gewicht einräumte als dem Stil; aus seinen Kompositionen und denen seiner Schüler schied er Überflüssiges, Phrasenhaftes unnachsichtig aus. Nach dem Abschied von der Romantik und vom Jugendstil galt Dekoratives als überflüssig, ja als unmoralisch. Das Ornament wurde, so ein vielzitierter Ausspruch des Architekten Adolf Loos, geradezu als Verbrechen empfunden. Dieser Haltung entsprechend brachte Eisler für das Schaffen von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal nur wenig Verständnis auf.

 

Seine Vorliebe gehörte seit dem Frühwerk, seit den ersten Li-Tai-Pe- und Morgenstern-Vertonungen, vielmehr dem Knappen, Klaren und Nützlichen.  Künstlerische Qualität war für ihn Vorbedingung, reichte jedoch nicht aus. Gebrauchswert hatte Literatur für Eisler dann, wenn sie zur Erkenntnis der Wirklichkeit betrug, wenn sie die Realität in einem neuen Blickwinkel darstellte.  Wegen ihres klaren, analytischen Darstellungsweise gehörten Stendhal und Büchner zu seinen Lieblingsschriftstellern. (Das frühe Projekt einer „Leonce und Lena“-Oper blieb allerdings unvollendet.) Naturschilderungen langweilten ihn wie alles Statische. Er suchte nach Bewegung, nach Veränderung, nach ungewohnten Perspektiven wie im Roman „Tristram Shandy“ von Laurence Sternes oder im „Gulliver“ Jonathan Swifts. In seinem Mißtrauen gegen das Bürgerliche der Weimarer Klassik stimmte er mit Bertolt Brecht weitgehend überein. Es gab viele weitere Gemeinsamkeiten. Das Zusammentreffen der beiden gleichaltrigen Künstler gehört deshalb zu den Glücksfällen dieses Jahrhunderts. Besonders großen Gebrauchswert hatte für den Komponisten solche Literatur, aus denen musikalische Werke hervorgingen. Gleich Eislers erste Brecht-Vertonung, die „Ballade vom Weib und dem Soldaten“, wurde zum Erfolg. Erkennbar ist dies an der 1930 entstandenen Schallplattenaufnahme mit Ernst Busch als Sänger und Eisler als Dirigent.

Wirklich eng wurde die Zusammenarbeit der beiden erst seit dem Lehrstück „Die Maßnahme“. Hatte die Brecht mit Weill fast ausschließlich Fragen der Dramaturgie und der Musik besprochen, so kamen bei Eisler nun auch kulturpolitische Debatten hinzu. Dabei zeigte der Stückeschreiber überraschende Flexibilität, wie Eisler anerkennend feststellte: „Brecht war nicht nur ein großer Lehrer, sondern auch ein großer Lerner. Die Genialität Brechts ist, daß er von allen lernen konnte. Er konnte zum Beispiel mitten in den hitzigen Debatten über seine Sache produzieren. Ich bin doch jeden Tag ein halbes Jahr von neun Uhr vormittags bis ein Uhr mittags in seiner Wohnung gewesen, um die ‚Maßnahme‘ zu produzieren, wobei der Brecht gedichtet und ich jede Zeile kritisiert habe.“

Wie bei Brecht die „Dreigroschenoper“ aus einem Bühnenwerk von Gay und Pepusch hervorging, die „Hauspostille“ aus einer kirchlichen Fibel und das Bühnenwerk „Die Mutter“ aus einem Roman von Maxim Gorki, wurzelte auch Eislers Produktivität in einem kritischen Verhältnis zur Tradition. Altes wurde entweder umgestülpt, weiterentwickelt oder neu zusammengestellt. Montage-Techniken wandte Eisler bereits vor seinen ersten Film- und Bühnenwerken an, so etwa bei der Textauswahl für die Drei Männerchöre op.10 nach Heinrich Heine. Möglicherweise angeregt durch die Neigung des Dichters zu offenen Formen und abrupten Haltungswechseln arbeitete Eisler drei von dessen Gedichten um. Durch die Vertonung wie den Kontext gab er ihnen eine neue Bedeutung für die Gegenwart.  In "Die Tendenz“ etwa ersetzte er die dort erwähnte Marseillaise durch die „Internationale“. Dem stark verkürzten Heine-Gedicht „1649-1793-???“ gab er die neue Überschrift „Utopie“, die  noch eindeutiger in die Zukunft wies. Aus wieder einem anderen Zusammenhang, den „Zeitgedichten“, übernahm er „Der Wechselbalg“ - eine Satire gegen den Preußenkönig Friedrich II.. Heines Zeitkritik übertrug er mit seiner dreiteiligen Chor-Montage auf die Gegenwart.  Ähnlich ging er später mit Ignazio Silone um, aus dessen Roman „Fontamara“ er die „Weißbrot-Kantate“ herausdestillierte.

Eisler bestand auf Reichtum und Vielfalt des literarischen Erbes. In seinem Verzicht auf Üppigkeit stimmte er mit seinem Freund überein, den er gegen entsprechende Angriffe so verteidigte: „Man wirft meinem alten Brecht oft vor, daß seine Dichtung zu dünn sei, zu wenig Fülle habe. Es fehlt die Opulenz, der Tisch ist nicht überladen. Ich gebe das zu. Doch um so kräftiger ist, was er bietet. Es verdirbt nicht den Magen, sondern reizt den Appetit. Sein Werk ist wie ein großer Wald ohne Dickicht und Unterholz, schlank und hoch stehn die Stämme nebeneinander, von allen Seiten fällt Licht herein, da gibt’s keinen Modergeruch, nichts, was der Spießer stimmungsvoll nennt, aber enorm viel Sauerstoff.“ Der deutsche Wald verwandelte sich bei Eisler und Brecht in einen englischen Garten oder einen französischen Park. Tatsächlich hat Eisler die deutsche Romantik – symbolisiert durch den Wald - nur an ihrem kritischen Endpunkt, bei Heine, zur Kenntnis genommen. Viel lieber als das geheimnisvolle Dunkel eines Eichendorff oder Novalis durchschritt er die hellen Gedankenräume eines Mark Twain, Horaz oder Lukrez (die beiden letzten las er im lateinischen Original).

Der gebürtige Leipziger war in Wien aufgewachsen, erhielt aber von Berlin seine stärkste Prägung. Sein literarischer Geschmack wuchs über das Deutsche und Österreichische weiter hinaus, als es dieser Lebensweg vermuten ließe. Sehr vertraut war Eisler mit Frankreich, wobei familiäre Wurzeln eine Rolle spielten. Mit Begeisterung las er Shakespeare, Sterne, Fielding, Thackeray, Stevenson, Joyce und Waugh, ebenso aber auch die großen Russen Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Gorki, Majakowski, Babel und Fadejew. Die Liste der Autoren, zu deren Theaterstücken er Bühnenmusiken komponierte, reicht von Feuchtwanger bis Majakowski, von Schiller bis Nestroy und ergibt so ein ganzes Spektrum der Weltliteratur.

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Den Nützlichkeitsstandpunkt artikulierte er nicht zu allen Zeitpunkten gleich stark. Nicht immer war seine Abwehr des Bürgerlichen so deutlich wie im Berlin der zwanziger Jahre, wo er Privates ganz in den Hintergrund drängte. Sogar Tucholsky lehnte er in dieser radikalen Phase als zu bürgerlich ab. So glossierte er 1928 Peter Panter als „ein Tier...., das ein Fell gern an Ullsteinen reibt und dabei zärtliche miauende Töne von sich gibt. Der Großwildjäger nennt das: Er plaudert.“ Erst Ernst Busch konnte ihn überzeugen, daß Tucholsky über seine Feuilleton-Plaudereien hinaus auch bissige Gedichte wie „Bürgerliche Wohltätigkeit“ oder „Der Graben“ geschrieben hatte. Obwohl Eisler für Busch gelegentlich Tucholsky vertonte (die größte Zahl seiner Tucholsky-Lieder entstand erst ab 1957), zog es ihn in den Jahren der Weltwirtschaftskrise eher zu so massenwirksamen Autoren hin wie Erich Weinert, Walter Mehring, Franz Jung oder Robert Gilbert. Mit dem von Gilbert unter dem Pseudonym David Weber gedichteten „Stempellied“ oder dem „Roten Wedding“ Erich Weinerts erreichte Eisler tatsächlich in Freilichtaufführungen oder durch Schallplatten ein breites Arbeiterpublikum.

Als ihn das Exil von dieser Hörerschaft isolierte, differenzierte und erweiterte sich das künstlerische Spektrum wieder.  Mehr als Massenlieder brauchte man nun Werke für den Konzertsaal oder für häusliche Aufführungen. In Hollywood stießen Brecht und Eisler zudem auf eine Massenkultur, die ihren eigenen Ideen ganz und gar nicht entsprach. Gegenüber den Aktivitäten der Werbebranche und der Unterhaltungsindustrie erschien die zuvor so sorgfältig ausgeschiedene Subjektivität geradezu als Widerstandsmoment. Brecht, der sich an seine frühere Forderung nach einer aktivierenden Musik erinnerte, notierte damals in sein Arbeitsjournal: „Hundertmal am Tag kann man aus dem Radio hier aktivisierende Musik hören: Chöre, die zum Kauf von Coca Cola animieren. Man ruft verzweifelt nach l’art pour l’art.“ Er schrieb nun sogar wieder Naturgedichte, die Eisler in seinem „Hollywooder Liederbuch“ vertonte. Die Natur war dabei aber auch stets Metapher für Gesellschaftliches, für Aktuelles. So handelt etwa das „Lied von der haltbaren Graugans“ durchaus nicht nur von Vögeln. Auch Eisler griff nun wieder zu Gedankenlyrik, zu Anakreon, Mörike und sogar dem früher verpönten Goethe. Zur Verblüffung Brechts wählte er im Jahre 1943 Gedichte Friedrich Hölderlins, die er allerdings radikal zusammenstrich – „entgipste“. In seinen Gesprächen mit dem Dramaturgen Hans Bunge hat er als Motiv dieser Textwahl den verwandelten Blick des Exilanten auf Deutschland genannt.

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Trotz seiner großen Bewunderung für Brecht bewahrte sich Eisler in literarischen Dingen seine Eigenständigkeit. Indem er sich von der tradierten Hölderlin-Rezeption abwandte und den Dichter so gegen seine Liebhaber verteidigte,  entstand ein neues Hölderlin-Bild, das schließlich sogar Brecht akzeptieren konnte. Eigenständig war Eisler nicht zuletzt in seinem Urteil über Thomas Mann. Wohl sein eigenes widerspruchsvolles Verhältnis zu seinem Lehrer Arnold Schönberg hatte ihn tolerant und sensibel gemacht für Widersprüche, so auch für die „höchst wunderliche Mischung von deutscher Tradition und europäischer Modernität, von Humanismus und Ironie, von brüchiger Bürgerlichkeit und tapferen Fragezeichen“ (Ernst Fischer) bei Thomas Mann. Stephan Hermlin, der den Komponisten nicht zuletzt wegen seiner breiten Bildung bewunderte („Unter den sehr klugen Leuten, denen ich im Laufe meines Lebens begegnete, war Hanns Eisler wahrscheinlich der klügste.“), hat dies bestätigt: „Für ihn waren und blieben die beiden größten deutschen Schriftsteller der Gegenwart Thomas Mann und Brecht; er sagte es, wobei für jeden der beiden der Name des anderen ein Greuel war, jeder der beiden auch Eisler persönlich sehr gut kannte. Eisler war in seiner Bewunderung standhaft, kein Opportunist.“

In Los Angeles traf sich der Komponist regelmäßig mit beiden Antipoden. In seinen Gesprächen mit Hans Bunge (im Winter 1967/68 wurden sie durch Vermittlung des Redakteurs Wolfgang Seifert noch vor ihrer ersten Drucklegung in 17 Folgen über den WDR ausgestrahlt)  erinnerte sich Eisler an die fast väterliche Zuneigung des Nobelpreisträgers, an die häufigen Besuche von Haus zu Haus. Brecht habe dies „wie eine Art Landesverrat“ eingeschätzt. Alle Versuche Eislers, die beiden Kontrahenten gemeinsam zu sich einzuladen, scheiterten an der strikten Weigerung des Freundes. Immerhin akzeptierte er es, wenn Eisler ihm von seinen Debatten mit Thomas Mann erzählte oder ihm – als „eine Art literarischer Berichterstatter“ – interessante Passagen aus dessen Romanen referierte. Brecht sei dann über die Originalität Manns erstaunt gewesen. „Da meinte er, das müsse man wirklich einmal durchsehen. Er kam nie dazu.“

Eine indirekte Beziehung zwischen Mann und Brecht ergab sich immerhin über Eislers Opernprojekt „Johann Faustus“, schließt es doch an Manns „Faustus“-Roman an. Die Entstehung dieses Werkes hatte er aus nächster Nähe miterleben können. Mit größtem Interesse hatte er registriert, wie Mann seiner Romangestalt Adrian Leverkühn Züge Arnold Schönbergs verlieh und Leverkühns letzte Komposition, das Oratorium „Dr. Faustus Weheklag“, als dodekaphones Werk beschrieb. Eisler verwandelte ab 1951 dieses Oratorienprojekt in ein Opernlibretto, das er zunächst ebenfalls „Dr. Faustus“ betitelte. „Es soll eine Oper werden, die mit dem Volk auf Du und Du steht, die die volkstümlichen Elemente des Volksschauspiels neu zu formen versucht, die Figur des Hanswurst, das Volk, wieder einführt und aus der Dunkelheit der Vorlage die allgemeinen Verhältnisse des 16. Jahrhunderts in unserem Geiste gewissermaßen rektifiziert.“

Bereits vor der Fertigstellung der Musik ließ Eisler das Libretto drucken und an Lion Feuchtwanger und Thomas Mann versandt. Beide äußerten sich sehr zustimmend. So Feuchtwanger: „Die Wirkung ist sehr stark. Die neue Ausdeutung der einzelnen Situationen der Faust-Geschichte ist schlagend, gescheit, grimmig, witzig.“ Ganz im Sinne Eislers faßte er zusammen: “Das ist ein Buch, das sowohl dem Professor wie der Köchin Fleisch gibt.“ Auch Thomas Mann lobte den „guten, derben, deutschen Humor, besonders in der Figur des Hanswurst.“ Im eigenen Land stieß das Projekt dagegen auf heftige Kritik, mißverstanden einflußreiche Kulturfunktionäre es doch als Kritik an Goethes „Faust“.  Die im „Neuen Deutschland“, aber auch bei internen Diskussionen der Akademie der Künste vorgebrachten Attacken gegen Eisler deuteten darauf hin, daß hier ein Prozeß gegen „Linksabweichler“ vorbereitet wurde. Brecht stand seinem Freunde bei, indem er auch die literarischen Qualitäten des Textes hervorhob: „Obgleich das Werk zu seiner vollen Wirkung der Musik bedarf, ist es ein bedeutendes literarisches Werk durch sein großes nationales Thema, durch die Verknüpfung der Faust-Figur mit dem Bauernkrieg, durch seine großartige Konzeption, durch seine Sprache, durch seinen Ideenreichtum.“ Leider entmutigten die Angriffe Eisler so sehr, daß er seine Oper nicht vollendete. Aber auch das Textbuch, das zurückblieb, ist ein Meisterwerk. Es zeugt von einem Künstler, der eine so intensive Beziehung zur Literatur hatte wie nur wenige seiner Kollegen. „Viel von dem Spaß, der Anregung und Erkenntnis, die er aus Büchern gewann, ließ er in seiner Musik kristallisieren“, urteilte der Wiener Literaturtheorektiker und Kulturpolitiker Ernst Fischer. „Doch nicht nur als großer Komponist, auch als einer, der die Literatur um ein bedeutendes Werk bereicherte, wird er so manches Monument überdauern.“ 

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Schon im „Hollywooder Liederbuch“, diesem großangelegten musikalischen Exiltagebuch, fallen autobiographische Momente ins Auge. Sie verstärkten  sich in Eislers letzten Lebensjahren, in denen er auffallend häufig auf bereits im Hollywood-Exil entstandene Vorlagen zurückgriff. Seine subjektivsten und düstersten Lieder komponierte er im Herbst 1953, als ihm nach den Faustus-Attacken jeder Schaffensimpuls abhanden gekommen war. Die Titel sprechen für sich: „Verzweiflung“ nach Giacomo Leopardi, „Verfehlte Liebe“ nach Heinrich Heine, „Und endlich stirbt die Sehnsucht doch“ nach Peter Altenberg. Das Lied „Traurigkeit / Chanson allemande“ nach Berthold Viertel erwähnt die „Jahrestage meiner Traurigkeiten“. Ähnlich privaten Charakter besitzt das im gleichen Zeitraum vertonte Goethe-Fragment „Von Wolken streifenhaft befangen, in dem Eisler „mit äußerster Diskretion“ singen läßt „Laß mich nicht so in Nacht ... du Allerliebste, du, mein Mondgesicht.“ Auffällig oft griff der Komponist in diesem Herbst auf die Tonarten E-Dur und H-Dur zurück - die Tonarten, die seinen Initialen entsprechen.

 

Einige dieser Lieder hat Eisler in seiner letzten Komposition, den „Ernsten Gesängen“, wiederverwendet. Neu entstand der erste Gesang, eine Hölderlin-Vertonung mit dem Titel  „Asyl“. An den Schluß notierte er „Mexico City-Berlin  1939-1961“. Es ist kaum anzunehmen, daß Eisler mehr als 20 Jahre an diesem Stück gearbeitet hat. Offenbar meinte er dabei einen Rückgriff auf Gedanken aus seiner Exilzeit. Durchaus nicht freiwillig war der Komponist im April 1939 nach Mexiko gezogen, hatte ihm doch das US-Außenministerium zuvor einen Ausweisungsbescheid zugestellt. Nur mit einem begrenzten Besuchervisum ausgestattet kehrte er vier Monate später  in die USA zurück. In diesen vier Monaten fand er in der mexikanischen Hauptstadt ein vorübergehendes Asyl. Aus dem Werkverzeichnis von Manfred Grabs lassen sich die 1939 in Mexico-City entstandenen Kompositionen entnehmen: die Lieder „Über die Dauer des Exils“, „Zufluchtsstätte“, „Geflüchtet unter das dänische Strohdach“, „In den finsteren Zeiten“ und „Elegie 1939“. In keinem dieser Lieder liegt eine offensichtliche musikalische Verwandtschaft zu der späteren Hölderlin-Vertonung „Asyl“ vor. Deshalb muß man vermuten, daß der Komponist auf inhaltliche Bezüge hinweisen wollte. Gemeinsam ist den Liedern von 1939 mit der 1961 vollendeten Komposition die Klage über Heimatlosigkeit. Die Hölderlin-Verse „Beglückt, wer am sicheren Herd in rühmlicher Heimat lebt“, denen  Eisler 1961 durch Wiederholung besonderen Nachdruck gab, greifen Brechts Gedanken über die Zufluchtsstätte auf.  War dies, wie Manfred Grabs 1973 schrieb, „die frohe Bestätigung, eine sichere Heimat in einem geachteten Land gefunden zu haben“? Ist es nicht eher eine Beschwörung? Die letzten Zeilen dieses Gesanges machen klar, daß das lyrische Ich seine Heimat in der Kunst sah. Sie ist sein Asyl, weil er eine Heimat  in der Realität noch nicht gefunden hat. Der Gesang schließt so mit einer Bitte:

 

Und daß mir auch,

Wie andern, eine bleibende Stätte sei,

Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl.

Fast scheint es, als suche Eisler hier am Ende seines Lebens in der Musik den Trost, den er zuvor – unter Berufung auf den chinesischen Denker und Sozialethiker Me-Ti - als Funktion von Kunst strikt abgelehnt hatte.

ALBRECHT DÜMLING

 

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