Ins Paradies vertrieben

Zum “Hollywooder Liederbuch” von Hanns Eisler

 

 

In Los Angeles gab es zwischen 1933 und 1945 die größte kulturelle Diaspora dieses Jahrhunderts. Auf der Flucht aus Nazi-Deutschland war die künstlerische Elite Berlins und Wiens,  darunter Persönlichkeiten wie Otto Klemperer, Bruno Walter, Arnold Schönberg, Ernst Toch, Max Reinhardt, Fritz Lang, Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Franz Werfel und Lion Feuchtwanger, an den Pazifik gekommen. Die meisten hatten durch Freunde aus der Filmindustrie die Papiere und Bürgschaften (Affidavits) erhalten, die zur Einreise in die USA benötigt wurden. Nach ihrer Rettung hofften die Künstler auf Arbeitsmöglichkeiten in Hollywood. Schnell mußten sie aber feststellen, daß in dieser Traumfabrik ein anderer Kulturbegriff herrschte, mit anderen Kriterien für Erfolg und Wert. Nur durch Anpassung an die neuen Verhältnisse gelang es 1500 deutschen und österreichischen Emigranten, eine Arbeit in den Studios zu bekommen. Die Erfolglosen aber lebten als “enemy aliens” am Rande des Existenzminimums, unter ihnen so große Künstler wie die Romanciers Heinrich Mann und Alfred Döblin. Für sie wurde das Paradies zur Hölle.

 

Bertolt Brecht traf nach langer Reise im Juli 1941 im Hafen von Los Angeles ein. Ein Jahr lang bemühte er sich vergeblich um Filmaufträge. In sein Arbeitsjournal notierte er, an keinem anderen Ort sei ihm das Leben so schwergefallen wie “in diesem Schauhaus des easy going”. Er sei so fremd und isoliert “wie Franz von Assisi im Aquarium”. Die kleine dänische Stadt Svendborg, wo er bis 1939 gelebt hatte, schien ihm im Vergleich zu Hollywood “wie ein Weltzentrum”. Sein Zustand besserte sich, als im April 1942 sein Freund Hanns Eisler eintraf. Der Komponist hatte bereits in Berlin und im dänischen Exil eng mit dem Dichter zusammengearbeitet. Ab 1938 hatte er in New York an der New School for Social Research unterrichtet und im Rahmen eines Forschungsprojekts neue Methoden der Filmmusik entwickelt. Filme wie “400 Millions” (Joris Ivens), “Forgotten Village” (Herbert Kline) oder “White Flood” (Osgood Fields) waren in Dramaturgie und Kompositionstechnik Gegenentwürfe zur Hollywood-Ästhetik. Eisler kam jetzt nach Los Angeles, weil er die Nähe seines Freundes Brecht und seines alten Lehrers Arnold Schönberg, aber auch die Nähe der Filmindustrie suchte.

 

Schon wenige Wochen nach seiner Ankunft begann Eisler ein von den Filmarbeiten ganz unabhängiges Projekt. In einem Hotel in Hollywood schuf er im Mai 1942 die ersten Beiträge seines “Hollywooder Liederbuchs”. Trotz dieses Titels bezogen sich die nun entstehenden Lieder in Form und Inhalt überwiegend auf die verlassene Heimat. Nach frühen Liedern aus der Unterrichtszeit bei Schönberg und Webern hatte sich der Komponist 1927 in seinen sarkastischen “Zeitungsausschnitten” von dieser bürgerlichen Kunstform verabschiedet. Mit seinen Songs und Massenlieder erreichte er in den Jahren um 1930 ein breites Publikum aus der sozialistischen Arbeiterbewegung. 1933 wurde diese große Bewegung zerschlagen. Als Konsequenz seiner Isolation im Exil kehrte Eisler deshalb zur intimen Form des Kunstliedes zurück. In Dänemark entstanden so 1937 seine Zwei Elegien, denen in den USA und in Mexico City weitere Elegien folgen sollten. An dem Massenpublikum der Hollywood-Filme, das überwiegend Unterhaltung erwartete, war Eisler wenig interessiert. Im Titel “Hollywooder Liederbuch” bezog er sich auf den Gegensatz zwischen der Kulturindustrie Hollywoods und jener Kunstliedtradition, wie sie Schubert, Schumann, Brahms, Wolf, Strauss und Schönberg entwickelt hatten. Diente die eine Kultur der massenhaften Zerstreuung, so die andere der individuellen Konzentration.

 

Eisler begann sein Liederbuch mit Brecht-Vertonungen. Fast alle der bis August 1942 komponierten Gedichte – darunter “An den kleinen Radioapparat”, “In den Weiden”, “Der Kirschdieb” und “Ostersonntag” – waren zwischen 1938 und 1940 in Dänemark, Schweden und Finnland entstanden. Brecht hatte sie unter dem Titel “Steffinische Sammlung” zusammengefaßt, um an seine Freundin und Mitarbeiterin Margarete Steffin zu erinnern, die er auf der Flucht in einem Moskauer Krankenhaus hatte zurücklassen müssen. Auch Eislers Vertonungen waren eine Hommage für die an Tuberkulose Verstorbene, die an so wichtigen gemeinsamen Projekten wie “Die Maßnahme” oder “Die Mutter” mitgearbeitet hatte. Schon im Juni 1941 hatte er ihr das Finale seiner Klaviervariationen, einen Trauermarsch, gewidmet.

 

Am 26. Juni 1942 notierte Brecht in sein Arbeitsjournal, Eisler habe alle seine finnischen Gedichte auskomponiert. Er fügte hinzu: “Für mich ist seine Vertonung, was für Stücke eine Aufführung ist: der Test. Er [Eisler] liest mit enormer Genauigkeit.” Durch kleine Änderungen, etwa neue Überschriften, übertrug der Komponist einzelne Gedichte auf die Exilsituation in Hollywood. Auch Naturbilder erhielten so eine zusätzliche, erst bei genauem Lesen erkennbare Aktualität. Die Jahreszeiten wurden dabei zu politischen Metaphern, so der Frühling zum Symbol der Hoffnung. In “Über den Selbstmord” klingt dagegen bei den Worten “Und die ganze Winterzeit” melodisch das “Fremd bin ich eingezogen” aus dem Anfang von Schuberts “Winterreise” nach;  zusätzlich verweisen das langsame Tempo und die kontrastreiche Dynamik auf den “Doppelgänger”. Eisler nahm damit den zweiten tragischen Höhepunkt seiner Liedsammlung vorweg: die Hollywood-Elegie “Diese Stadt hat mich belehrt”. In diesem Ort der künstlichen Natur ohne Jahreszeiten ist das Paradies zugleich die Hölle. Der Komponist unterstrich die düstere Aussage dieses Epigramms, indem er die Einfachheit von Schuberts “Leiermann” mit dem Gestus des Blues verband.

 

In seinen für Eisler geschriebenen “Hollywood-Elegien” stellte Brecht die Lebensbedingungen der Exilanten mit boshafter Schärfe dar. Viele der bedeutendsten Künstler (Brecht verglich sie mit Bach und Dante) mußten hier ihren Lebensunterhalt mit unwürdigen Tätigkeiten verdienen, mußten sich prostituieren. Neben der nüchternen Sprache und der pointierten Atonalität sorgt bei einigen Liedern die englische Sprache für zusätzliche Distanz. “Nightmare”, ein eigener Text des Komponisten, bezieht sich wie die beiden Pascal-Vertonungen auf die Situation der Konsumenten. Sie müssen sich Drogen beschaffen, um Todesgedanken fernzuhalten. Sogar in Goethes “Schatzgräber”, einem Seitenstück zur Hollywood-Elegie Nr.7, fand Eisler ein poetisches Bild für den traurigen Anpassungszwang in der Unterhaltungsindustrie.

 

In seinem Buch “Komposition für den Film” formulierte Eisler zur gleichen Zeit zusammen mit Theodor W. Adorno seine ästhetische Auffassung vom Vorrang der künstlerischen Verfahrensweise vor Stil- oder Materialfragen. Entsprechend verwirklichte er auch in seinem “Hollywooder Liederbuch” ein musikalisch und literarisch breites Spektrum. In den Monaten von Februar bis Mai 1943, in denen sich Brecht in New York aufhielt, komponierte er ausschließlich Gedichte anderer Autoren. Gemeinsam war den Texten von Anakreon, Eichendorff oder Berthold Viertel die Thematik des Exils, der Trennung von der Heimat. Wie schon Brechts Vergangenes aktualisiert und umzufunktioniert hatte, integrierte Eisler nun sogar Friedrich Hölderlin in seine Sammlung, indem er dessen Gedichte kürzte und schneller deklamierte. Der aus New York zurückgekehrte Brecht war zunächst schockiert, lobte dann aber die Anakreon- und Hölderlinvertonungen als “großartige Zyklen”: “Hier wird eine Möglichkeit sichtbar, zu dramatischen Chören zu gelangen, da die Vertonungen nunmehr ganz und gar gestisch sind.”

 

Das im Dezember 1943 vollendete “Hollywooder Liederbuch” ist ein musikalisches Tagebuch des Exils, als Ganzes aber auch eine künstlerische und politische Vision. Der reglementierten Staatskunst des NS-Staats und dem Anpassungsdruck der Kulturindustrie stellt die facettenreiche Sammlung eine freie, kritische und pluralistische Kunst gegenüber. Im Entwurf zu einem Vorwort hatte Eisler geschrieben: “In einer Gesellschaft, die ein solches Liederbuch versteht und liebt, wird es sich gut und gefahrlos leben lassen. Im Vertrauen auf eine solche sind diese Stücke geschrieben.” Eine solche Gesellschaft fand der Komponist weder in den USA noch später in Europa. Trotz der Proteste von Thomas Mann, Albert Einstein, Igor Strawinsky und Charlie Chaplin wurde Eisler vor den McCarthy-Ausschüssen verhört und mußte die USA im Februar 1948 aus politischen Gründen verlassen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1962 erlebte er keine Aufführung seines “Hollywooder Liederbuchs”. Im Jahr des 100. Geburtstages von Eisler und Brecht ist es an Zeit, dieses so lange aus dem Bewußtsein verdrängte Werk zu entdecken. Umfassender als in jeder anderen Komposition dokumentiert sich hier das Exil in Los Angeles.

 

ALBRECHT DÜMLING

 

Aus Booklet zur CD DECCA 452 917-2

 

Aktuell ] Biografie ] Publications ] Entart ] Exil ] Eisler ] Brecht ] Links ]