Brecht, (Eugen Berthold Friedrich) Bertolt, * 10. Febr. 1898 in Augsburg, + 14. Aug. 1956 in Berlin. Nach dem kriegsbedingten Notabitur am Augsburger Realgymnasium studierte er auf Wunsch seines Vaters, eines Papierfabrikanten, ab Wintersemester 1917/18 in München Theaterwissenschaft (A. Kutscher), im Hinblick auf den drohenden Militärdienst zusätzlich Medizin. 1918 wurde er kurzfristig als Sanitätssoldat eingesetzt. Daneben erlernte er das Gitarrenspiel und schrieb Gedichte, Dramen sowie Theaterkritiken. Wichtiger als das 1921 abgebrochene Studium wurden ihm Begegnungen mit Frank Wedekind, Lion *Feuchtwanger und Karl Valentin sowie Auftritte als Sänger und Rezitator in seiner Augsburger Clique. Eine Dramaturgentätigkeit an den Münchner Kammerspielen ergänzte er durch erste Regiearbeiten sowie Opernprojekte. 1922 erhielt er den Kleistpreis für die Dramen „Trommeln in der Nacht“, „Baal“ und „Im Dickicht der Städte“. In Berlin, wohin er 1924 übergesiedelt war, brachten ihn der Notenanhang seiner Gedichtsammlung „Hauspostille“ in Verbindung mit dem Komponisten Franz S. Bruinier, dann (1927) mit Kurt Weill. Trotz des Erfolgs der 1928 uraufgeführten „Dreigroschenoper“ kam es zum Streit über die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, von Brecht als Selbstreflexion der Gattung konzipiert. Aus ästhetischen wie politischen Motiven – seine marxistische Periode hatte inzwischen begonnen - bevorzugte er ab 1930 die Zusammenarbeit mit dem Schönberg-Schüler Hanns Eisler. Diese mit dem Lehrstück „Die Maßnahme“ begonnene Partnerschaft setzte sich auch im Exil fort. Über Dänemark (1933-1939), Schweden und Finnland floh er 1941 nach Los Angeles, wo sich die Kooperation mit Eisler fortsetzte. Nach der „Galileo“-Premiere sowie dem Verhör vor dem „Ausschuß für unamerikanische Tätigkeit“ verließ er 1947 die USA. Mit vielen im Exil entstandenen Theaterstücken im Gepäck traf er über Zürich 1949 im sowjet. besetzten Teil Berlins ein, wo „Mutter Courage und ihre Kinder“ (Musik: Paul Dessau) zur dt. Erstaufführung kam. Gemeinsam mit seiner Frau Helene Weigel gründete und leitete er das Berliner Ensemble, mit dem er noch kurz vor seinem Tod Weltruhm erlangte. Trotz kulturpolitischer Konflikte, so über die Oper „Das Verhör des Lukullus“, wurde er mit Preisen ausgezeichnet und 1954 zum Vizepräsidenten der Deutschen Akademie der Künste berufen. Brecht starb an den Folgen eines Herzinfarkts und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt. 

 

 

Werke

Bei Suhrkamp, Ffm. ersch. - Nachlaß im Brecht-Archiv der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin

 

A.    Ausgaben:

a) Sammelausgaben: GW, 20 Bde., Ffm. 1967; Große kommentierte Berliner u. Frankfurter Ausgabe der Werke Brechts, 33 Bde., Bln. u. Weimar / Ffm. 1988-1998 (GBA); b) Einzelausgaben: Eric Bentley (Hrsg.), The Brecht-Eisler Songbook, N.Y. 1967 # F. Hennenberg (Hrsg.), Brecht-Liederbuch, Ffm. 1985

 

B. Bühnenwerke mit Musik

Baal (1918; M: Brecht - 1923 Lpz.) # Trommeln in der Nacht (1919; M: Brecht - 1922 Mn.) # Im Dickicht der Städte (1922; M: Brecht - 1923 Mn.) # Leben Eduards des Zweiten von England (1923; M. 1: Brecht - 1924 Mn.: M. 2: Weill – 1928 Lpz.) #  Mann ist Mann (1925; M. 1: Brecht – 1926 Darmstadt; M. 2: Josef Vorsmann – 1926 Düsseldorf; M. 3: Weill – 1931 Bln.; M. 4: Dessau – 1954 Lausanne)  # Der Brotladen (1929-1930; M.: Hans Dieter Hosalla – 1967 Bln.) # Die Mutter (1931; M: Eisler – 1932 Bln.) # Die heilige Johanna der Schlachthöfe (1931, M. 1: Siegfried Franz – 1959 Hamburg; M. 2: Hosalla – 1961 Rostock) #  Die Rundköpfe und die Spitzköpfe (1932-1934; M: Eisler – 1936 Kopenhagen) # Die Horiatier und die Kuriatier Lehrstück (1935; M: Kurt Schwaen – 1958 Halle) #  Furcht und Elend des Dritten Reiches (1937; M. 1: Dessau – 1938 Paris; M. 2: Eisler – 1945 N.Y.) # Leben des Galilei (1938; M: Eisler - 1947 Beverly Hills) #  Mutter Courage und ihre Kinder (1939; M. 1: Simon Parmet - verschollen ; M 2: Paul Burkhard - 1941 Zürich; M. 3: Dessau – 1949 Bln.) # Der gute Mensch von Sezuan (1940; M.1: Huldreich Georg Früh – 1943 Zürich; M. 2.: Dessau – 1952 Ffm.) #  Herr Puntila und sein Knecht Matti (1940; M. 1: Karl Willy Hammer – 1948 Hamburg; M. 2: Dessau – 1949 Bln.) #  Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (1941; M.: Hosalla – Stg. 1958) #  Die Gesichte der Simone Machard (1943; M: Eisler – 1957 Ffm.) #  Schweyk im zweiten Weltkrieg (1943; M: Eisler – 1957 Warschau) #  The Duchess of Malfi (1943-1946; M.: Benjamin Britten – 1946 N.Y.) # Der kaukasische Kreidekreis (1944; M. 1: Katharine Griffith – 1948 Northfield/Minnesota; M. 2: Dessau – 1954 Bln.) #  Der Hofmeister (1949; M.: Dessau – 1950 Bln.) # Die Tage der Commune (1949 ; M: Eisler – 1956 Karl-Marx-Stadt) # Turandot oder der Kongreß der Weißwäscher (1953; M: Hosalla – 1973 Bln.) # Pauken und Trompeten (1955; M.: Rudolf Wagner-Régeny – 1955 Bln)

 

C. Texte zu durchkomponierten Bühnenwerken

Die Dreigroschenoper (1928;  M: Weill – 1928 Bln.) #  Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1927-29; M.: Weill – 1930 Lpz.) #  Das Badener Lehrstück vom Einverständnis (1929; M: Hindemith – 1929 Baden-Baden) #  Der Lindberghflug (Der Ozeanflug) RadioKant. (1929; M.1: Hindemith u. Weill – 1929 Baden-Baden; M. 2: Weill – 1930 Bln.) # Der Jasager Schuloper (1930; M: Weill – 1930 Bln.) #  Die Maßnahme Lehrstück (1930; M: Eisler – 1930 Bln.) #  Die Ausnahme und die Regel Lehrstück (1931; M. 1: Nissim Nissimov – 1938 Palästina; M. 2: Dessau – 1948 Offenburg) # Die sieben Todsünden der Kleinbürger Ballett (1933; M: Weill – 1933 Paris) # Die Verurteilung des Lukullus (1939; M. 1: Roger Sessions – 1947 Berkeley; M. 2: P. Dessau – 1951 Bln.) # Goliath Opernprojekt (1937-43; M: Eisler - unvollendet)

 

D. Texte zu anderen Werken

Mahagonny-Songspiel (1927; M: Weill – 1927 Baden-Baden) #  Das Berliner Requiem Kant. (1928; M: Weill – 1929 Baden-Baden) #  Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin Kant. (1929; M: Eisler – 1958 Bln.) #  Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? Film (1931; M: Eisler – 1932 Bln.) # Wiegenlieder einer deutschen Mutter (1932; M: Eisler – 1932 Bln.) # Deutsche Kriegsfibel (1936-39; M: Eisler („Gegen den Krieg“) ) #  Kriegsfibel (1940-45; M. 1: Dessau („Deutsches Miserere“); M. 2: Eisler („Bilder aus der Kriegsfibel“)) #  Kant. zu Lenins Todestag (1937; M.1: Eisler; M. 2: Dessau) #  Hangmen Also Die Film (1942; M: Eisler – 1943 Hollywood) # Hollywood-Elegien (1942; M.: Eisler) #  Die Reisen des Glücksgotts Opernprojekt (1945 ; M.: Dessau) # Horenlied (vermutlich 1946; M. 1: Dessau; M. 2.: Gottfried von Einem) # Die Erziehung der Hirse Epos (1950; M: Dessau) # Herrnburger Bericht Kant. (1951; M. Dessau – 1951 Bln.) 

 

E. Schriften

Wagner (Glosse) (1913) # Aus der Musiklehre (1929) # Der Rundfunk als Kommunikationsapparat (1930) # Anmerkungen zur Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (1930) # Über die Verwendung von Musik für ein episches Theater (1935) # Über gestische Musik (1937) # Über Bühnenmusik (1937) # Volkstümlichkeit und Realismus (1938) # Hanns Eisler. Notizen für einen Beitrag zum Thema Volkstümlichkeit (1938) # Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen (1939) # [Über Filmmusik] (1942) # Über Bühnenmusik (1943) # Bei Durchsicht meiner ersten Stücke (1954) # [wichtige Aussagen zur Musik enthalten auch Brechts jeweilige „Anmerkungen“ zu den Stücken.]

 

So konsequent wie kein anderer Dichter und Dramatiker des 20. Jh.s hat Brecht die Wirkung und gesellschaftliche Funktion von Musik reflektiert. Seine Gedichte, Bühnenwerke, Schriften ebenso wie seine Regiearbeiten haben viele Komponisten, Musiker und Regisseure geprägt. Er hatte wesentlichen Anteil an der kritischen Überprüfung einer illustrativen oder einfühlenden Musikpraxis und der Entwicklung von Gegenmodellen im Bereich des Musiktheaters wie auch in anderen Kunstgattungen.

Brecht, begabt mit einer „riesigen Musikalität ohne Technik“ (Eisler), wollte nach Kl.- und V.unterricht und autodidaktischen Kp.- und Harmonielehre-Studien zunächst Musik- und Theaterkritiker werden. Seine ersten Arbeiten, darunter eine Glosse über Richard Wagner, gingen noch von programmusikalischen Vorstellungen aus. Als Konsequenz des Weltkriegs brach er mit diesen Ideen, die er mit dem patriotischen Bürgertum identifizierte. Gegen die romantische Kunstreligion setzte er Gebrauchskunst, gegen den Werkcharakter das Postulat der Veränderbarkeit. Die Umsingepraxis in Volkslied, Ballade und Moritat regte ihn zu kollektiver Produktion und Improvisation an, wobei Parodie und Variantenbildung eine wesentliche Rolle spielte. Die Lautgestalt eines Gedichts, seine Eignung für Gesangsvortrag, war für Brecht in dieser Periode wichtiger als die Schriftform. Wesentliche Teile seiner Lyrik entstanden als Gesang, wurden nicht etwa nachträglich vertont. Seine wichtigsten Gedichte veröffentlichte er zusammen mit Melodien („Lieder zu Klampfe“, „Hauspostille“).

Seine kritische Position zur Konzertmusik korrespondiert teilweise mit der des Wandervogels, mit dem er aufgewachsen war. Obwohl Brecht die Begrifflichkeit Heinrich Besselers nie verwendete, bevorzugte er „Umgangsmusik“ vor einer von ihm einseitig mit romantischer Einfühlung und Rauschhaftigkeit assoziierten „Darbietungsmusik“. Modelle einer kritisch distanzierten und aktivierend auf Veränderung bedachten Hör- und Rezeptionsweise fand er dagegen im Bänkelsang, im Kabarett, in den Parodien von Karl Valentin und im Jazz. Solche Musikformen, die er mit bestimmten sozialen Kontexten identifizierte, übernahm er für seine Gedichte und Bühnenwerke. Lyrik und Dramatik standen gerade in der Frühzeit in engem Zusammenhang. Während seine von ihm selbst zur Gitarre vorgetragenen Gesänge in Augsburg und München höchste Anerkennung gefunden hatten, entschied er sich in Berlin für Professionalisierung: das Komponieren überließ er den Komponisten, das Singen den Sängern und Schauspielern.

Der junge Komponist Franz S. Bruinier half ihm ab 1925 bei der musikalischen Revision der „Hauspostille“, durch deren Veröffentlichung sich 1927 der folgenreiche Kontakt zu Kurt Weill ergab. Aus der gemeinsamen Kritik des überkommenen Musiklebens und ähnlichen Ideen zum Musiktheater (Weill hatte schon vor ihm eine „gestische Musik“ gefordert) entstanden Werke wie „Mahagonny-Songspiel“, „Dreigroschenoper“ und „Berliner Requiem“. Wie kein anderer Dichter seiner Zeit erwies sich Brecht dabei als Impulsgeber und als Integrationsfigur. „Brecht berührt sich auf der einen Seite mit dem Ausdruck des Films (Chaplin, Buster Keaton), auf der anderen mit den versachlichenden Bestrebungen der Musik (Klemperer, Hindemith, Weill), auf der anderen mit Piscator. Was bisher nebeneinander- und auseinanderlief, das verbindet sich.“ (Herbert Jhering 1928) Er war deshalb maßgeblich beteiligt an der Entwicklung neuer Formen von Gebrauchsmusik bei den Baden-Badener Kammermusikfesten.

Brecht verstand seine Produktionen weniger als fixierte Werke, sondern als Handlungen, als soziale Experimente. Mit ihnen wollte er die Apparate, d.h. die veranstaltenden Institute, nicht beliefern, sondern verändern. Im Sinne dieser Zielsetzung wirkte sich die Rezeption unmittelbar auf die nachfolgenden Konzepte aus. Die Reihe seiner Werke kann somit als eine dialektische Argumentationskette verstanden werden, bestehend aus Gegenentwürfen zu den jeweils vorangehenden. So knüpft etwa das „Badener Lehrstück vom Einverständnis“ kritisch an die RundfunkKant. „Lindberghflug“ an, wurde seinerseits aber wieder zur Voraussetzung für die Schuloper „Der Jasager“. Die ursprünglich primär musikpädagogischen Ziele des Lehrstücks, wie Hindemith sie angeregt hatte, erweiterte er im Sinne des sozialen Lernens, wobei er die Gemeinschaftsidee der musikalischen Jugendbewegung im Sinne der Klassensolidarität umdeutete. Die permanente Selbstkritik war so um 1930 in eine marxistische Gesellschaftskritik eingemündet, mit der sich Hindemith und Weill nicht mehr identifizierten. Mit dem Lehrstück „Die Maßnahme“, einer politischen Konkretisierung des „Jasagers“, begann die Zusammenarbeit mit Hanns Eisler. Da sie ästhetisch wie politisch auf  weitgehender Übereinstimmung basierte, dauerte sie bis zum Tod des Dichters fort. Die gemeinsam mit Eisler entstandenen Beispiele „angewandter Musik“ (einer Weiterentwicklung der Gebrauchsmusik-Idee), darunter zum Stück „Die Mutter“ und zum Film „Kuhle Wampe“ mit dem beispielhaften „Solidaritätslied“, fanden vor allem bei einem Arbeiterpublikum breite Resonanz. Die Musik war ein wesentliches Element der epischen Darstellungsweise, die dem Zuschauer eine kritische Haltung gegenüber dem Dargestellten ermöglichen sollte: „Die Musik Eislers ist keineswegs das, was man einfach nennt. Sie ist als Musik ziemlich kompliziert, und ich kenne keine ernsthaftere als sie. Sie ermöglichte in einer bewunderungswürdigen Weise gewisse Vereinfachungen schwierigster politischer Probleme, deren Lösung für das Proletariat lebensnotwendig sind.“ (GW 15, 479) Musikalische Einflüsse J.S. Bachs, vor allem seiner Passionen, verbanden sich dabei mit Elementen des Jazz, des Agitprop- und No-Theaters zu einer neuartigen Synthese. Noch kurz vor seinem Tod hat Brecht „Die Maßnahme“ als Modell eines Theaters der Zukunft bezeichnet.

Das Exil gab ihm kaum noch Möglichkeiten zu sozialen Experimenten mit dem Publikum. Um so mehr bemühte sich Brecht um Fortsetzung seiner kollektiven Arbeitsweise. Aus der Zusammenarbeit mit Eisler und Margarete Steffin in Dänemark entstanden, gleichsam als eine politische „Hauspostille“, der Band „Lieder Gedichte Chöre“ (Paris 1934) sowie die Gesänge zum Stück „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“. Da Brecht die räumliche Nähe seiner Mitarbeiter brauchte, suchte er während Eislers Abwesenheit die Hilfe anderer Komponisten. Das Hörspiel „Das Verhör des Lukullus“ entstand so für den Schweden Hilding Rosenberg, das Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ für den Finnen Simon Parmet. Dieser bestätigte: „Brecht hielt hartnäckig an seinen eigenen musikalischen Ideen fest und konnte nur mit einem Komponisten zusammenarbeiten, der die Fähigkeit besaß, seine musikalischen Ideen und Vorschläge zu verwerten, ohne deswegen seine eigene Individualität aufzugeben.“ Mit bestimmten Rollenvorstellungen verbundene Liedideen führten Brecht dabei nicht selten zu dramatischen Ideen. Wegen dieses großen Stellenwerts von Musik in seiner Theaterkonzeption hat er immer die direkte Zusammenarbeit mit Komponisten gesucht. Gemeinsam mit Eisler entstanden die Musiken zu „Galileo“, „Simone Machard“ und „Schweyk im zweiten Weltkrieg“. Da aber Eisler am Musizieren längerer Epen weniger interessiert war, begann ab 1943/44 anläßlich des „Kaukasischen Kreidekreises“ sowie des Opernprojekts „Die Reisen des Glücksgotts“ zusätzlich eine Kooperation mit Paul Dessau.

Auch unabhängig von Stücken schrieb Brecht Gedichte und Texte im Hinblick auf eine Vertonung, so die „Kantate zu Lenins Todestag“, die „Hollywood-Elegien“ oder das Gottfried von Einem zugeeignete „Stundenlied“. Während die Bühnenmusiken meist in Absprache mit Brecht entstanden, wurden Konzertwerke wie die „Deutsche Symphonie“ oder das „Hollywooder Liederbuch“ von Eisler allein verantwortet. Gerade in der Auseinandersetzung mit seinem Freund Eisler, der 1942 in seine Nähe nach Los Angeles gezogen war, entwickelte Brecht zunehmend ein Verständnis für musikalische Autonomie. Ablesbar ist dies auch seinen Schriften für Musik. Hatte er sich 1936 in „Über die Verwendung von Musik für ein episches Theater“ noch vehement vom bürgerlichen Konzertpublikum distanziert, so hob er bereits ein Jahr später in seinem Text „Über gestische Musik“ auch an Konzertwerken sinnvolle soziale Haltungen hervor. Gerade Eislers Werk hatte ihn zu solchen Entdeckungen geführt: „In ihm kann man sich bilden, nach vielen Seiten, widerspruchsvoll. Denn dieses Werk verändert den Singenden und den Hörenden beglückend.“ (GW 16, 771) Wesentlich war ihm dabei Eislers kommentierende und nicht bloß illustrierende Haltung zu seinen Textvorlagen: „Er schöpft seine Texte nicht einfach aus, er behandelt sie und gibt ihnen, was des Eislers ist.“

Die Trennung der Elemente, d.h. die Verselbständigung von Wort, Musik und Bild, die schon in der „Dreigroschenoper“ etwa durch Sichtbarmachung des Orchesters sowie Lichtwechsel und Schrifttitel bei den Songs realisiert worden war, blieb eine Grundidee seines epischen Theaters. Brecht formulierte damit eine Gegenposition zur aristotelischen Dramatik sowie zur opernästhetischen Konzeption Richard Wagners. Dagegen wurde der Begriff der Verfremdung, erstmals 1936 in den Anmerkungen zu „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ verwendet (also aus der krit. Auseinandersetzung mit NS-Propaganda), oft als Trennung von Gedanken und Gefühlen mißverstanden. Für Weill und Eisler war Verfremdung ohnehin weniger wichtig gewesen als später für Dessau. Trotz solcher Mißverständnisse haben Brechts Theorie und die noch bis 1989 in diesem Sinne fortgeführte Theaterpraxis am Berliner Ensemble großen Einfluß ausgeübt auf das moderne Musiktheater, auf dessen Komponisten (Britten, Liebermann, Henze, Berio, Matthus, Cerha), Librettisten (Auden, Dürrenmatt, Bachmann, Bond) und Regisseure (Strehler, Herz, Friedrich, Berghaus u.a.). Ein ganz anderer Zweig musikalischer Brecht-Rezeption betrifft die Liedermacher-Szene (Bob Dylan, Franz J. Degenhardt, Wolf Biermann). 

 

Literatur (Ausw.): F. Hennenberg, Dessau-Brecht: musikalische Arbeiten, Bln. 1963 # B. Brecht, Die Maßnahme. Krit. Ausgabe mit einer Spielanleitung von R. Steinweg, Ffm. 1972 # B. Thole, Die “Gesänge” in den Stücken  B. Brechts. Zur Geschichte u. Ästhetik des Liedes im Drama, Göppingen  1973 # T. R. Nadar, The Music of Kurt Weill, Hanns Eisler and Paul Des­sau in the Dramatic Works of Bertolt Brecht,. Diss. U. of Michigan, Ann Arbor 1974 # E. Klemm, Hanns Eisler an Bertolt Brecht 1933 bis 1936. Briefexzerpte und Kommentare, in: Dt. Jb. f. Mw. 17 für 1972 , Lpz. 1974, 98-113 # H. Eisler, Gespräche mit Hans Bunge. Fragen Sie mehr über Brecht, Lpz. 1975 (=Gesammelte Werke, Serie III, Bd. 7) # G. Wagner, Weill und Brecht: das musikal. Zeittheater,  Mn. 1977 # M. Wyss (Hrsg.), Brecht in der Kritik. Rezensionen aller Brecht-Uraufführungen, Mn. 1977 #  F. Hommel, Rückblick auf ein Experiment – Paul Hindemith und Bertolt Brecht, in: Hindemith-Jb. 6, 1978, 65-75 # I. Allihn, Die Bühnenmusik Hanns Eislers zu Stücken von B. Bertolt Brecht, Diss. Bln, 1979 # J. Knopf, Brecht-Hdb. Theater, Stg. 1980 # D. Drew, Art. Brecht,  in: The New Grove, London 1980  # A. Schneider, H. Eisler. Musikkultur im Übergang in theoret. Sicht – Lieder im Exil nach Gedichten v. B. Brecht, Hab.Schr. msch., Bln. 1981 # S. Borwik, Weill’s and Brecht’s theories on music in drama, in: J Musicol. Research 4, 1982, H. 1-2, 39-67 # A. Lehmann, Hindemiths Lehrstück, in: Hindemith-Jb 11, 1982, 36-76 # D. de la Motte, Vom Wandervogel zum Liedermacher, in: Musica 37, 1983, H. 4, 326-34  #  D. Rexroth, Paul Hindemith und Brechts Lehrstück, in:  Hindemith-Jb, 12, 1983, 41-53 # Brecht u. d. Musik. Beiträge von den Brecht-Tagen 1984, Bln. 1984 (= Material zum Theater No. 180, Reihe Musiktheater Heft 34) # J.Engelhardt, Gestus u. Verfremdung. Studien zum Musiktheater bei Strawinsky und Brecht/Weill, Mn. 1984 (= Berliner mw. Arbeiten, Bd. 24) # U. Weisstein, Von reitenden Boten und singenden Holzfällern. B. Brecht u. die Oper, in: W. Hinderer (Hrsg.), Brechts Dramen. Neue Interpretationen,  Stg. 1984, 266-299  #  A.Dümling, Laßt euch nicht verführen. Brecht u. die  Musik, Mn. 1985 # F. Dieckmann, Komponisten am Berliner Ensemble, in: H. Traber u.a. (Hrsg.), Verdrängte Musik. Berliner Komponisten im Exil, Bln. 1987, 169-180 #  F. Hennenberg, Bruinier und Brecht. Nachrichten über den ersten Brecht-Komponisten,  in: Beiträge z. Mw. 39, 1987, H. 3, 198-226 # J. Lucchesi u. R. Shull, Musik bei Brecht, Ffm. 1988 # W. Hinck, Luther, das protestantische Kirchenlied und Brechts Kontrafaktur, in: Fs. Klaus von See, Odense 1988, 547-561 # S. Hinton, The Concept of Theoretical anomalies in the Brecht-Weill partnership, in: Fs. C. Dahlhaus, hrsg. H. Danuser, Laaber 1988, 285-294 # M. Gilbert, Bertolt Brecht’s Striving for Reason, Even in Musik. A Critical Assessment, N.Y. 1988 (= Studies in Modern German Literature, Bd. 3) # P. L. Craik, Musical theory and practise in the stage, film, and non-theatre collaborative works of Bertolt Brecht and Hanns Eisler, 1930-1956, Diss. Louisana State University 1989 # A. Dümling, Der Jasager und der Neinsager. Brecht-Weills Schuloper an der Karl-Marx-Schule Neukölln 1930/31, in: D. Kolland (Hg.), Rixdorfer Musen, Neinsager u. Caprifischer. Musik u.Theater in Rixdorf u. Neukölln. Berlin 1990, 124-130 #  S. Hinton, Kurt Weill: The threepenny opera, Cambridge 1990 (= Cambridge opera handbooks) # K. Fowler, Received Truths: Bertolt Brecht and the Problem of Gestus and Musical Meaning, N.Y. 1991 (= AMS Studies in German Literature and Culture, Bd.1) # H. Meldrum Brown, Leitmotiv and drama. Wagner, Brecht, and the limits of epic theatre, Oxford 1991 # V.S. Stegmann, Das epische Musiktheater bei Strawinsky u. Brecht, N.Y. 1991 # P. Petersen, Botschaft aus dem Exil: Das Deutsche Miserere von Dessau und Brecht, in: Fs. H.-P. Reinecke, Kassel 1991, 41-58 # A. Dümling, Hearing, Speaking, Singing, Writing: The Meaning of Oral Tradition for Bert Brecht, in: J. M. McGlathery (Hg.), Music and German Literature. Their Relationship since the Middle Ages, Columbia S. Carolina 1992,  316-326. #  A. Dümling, Tun ist besser als fühlen. Der pädagogische Aspekt bei Brecht und Hindemith, in: Hindemith-Jb. 17, 1988, 68-93  # C. Nieder, Bertolt Brecht u. d. Oper: Zur Verwandtschaft von epischem Theater u. Musiktheater, in: Zs. f. dt. Philol. 61, 1992, H. 2, 262-283 # K.-D. Krabiel, Brechts Lehrstücke. Entwicklung eines Spieltypus, Stg. 1993 # J. Lucchesi (Hrsg.), Das Verhör in der Oper: Die Debatte um die Aufführung Das Verhör des Lukullus von Bertolt Brecht und Paul Dessau. Bln. 1993 # K. Kowalke, Singing Brecht vs. Brecht singing: Performance in theory and practice, in: Cambridge Opera Journal V/1 (1994), 73-93 # F. Hennenberg, Brecht und Weill im Clinch? Neue Berlinische Musikzeitung 9, 1994, Beih. 2, 3-24 # E. Gerdeman-Klein, The Dramaturgical Integration of Text and Music in Brecht’s “Schweyk im Zweiten Weltkrieg”, Diss. U. of Illinois at Urbana-Champaign, 1995 # K.D. Krabiel, Das Lehrstück von Hindemith und Brecht: Von der Geburt eines Genres aus dem Geist der Gebrauchsmusik, in:  Hindemith-Jb. 24, 1995, 146-179 #

                                                           Albrecht Dümling

Aus: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG). Zweite, neubearbeitete Ausgabe hg. von Ludwig Finscher. Personenteil Bd. 3, Kassel 2000, S. 793-798.

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