6. Neue
Gemeinsamkeiten durch den "war effort"
Der
Kriegseintritt der USA, der vom Isolationismus zu globaler Verantwortung
führte, veränderte auch die Situation für die Emigranten. Die Leningrader
Sinfonie von Schostakowitsch entwickelte sich zu einem der in den
Konzertsälen der USA meistgespielten zeitgenössischen Werke, und die
Emigranten konnten nun offener die Gründe benennen, warum sie ihre
Heimat verlassen hatten. In diesem neuen Klima einer politisch
engagierten Kunst entstand in Hollywood eine ganze Reihe von
Anti-Nazi-Filmen, an denen nicht selten deutsche und österreichische
Emigranten beteiligt waren. Noch vor dem Überfall auf Pearl Harbour
hatte Ernst Lubitsch mit den Dreharbeiten zu der Filmkomödie To Be
or Not To Be begonnen, zu der Werner Richard Heymann die Musik
schrieb. Wie bei Chaplins The Great Dictator stießen allerdings
jetzt die Mittel von Ironie und Humor teilweise auf Unverständnis. Als
dem Thema angemessener empfand man eine ernste Haltung, ohne daß man
freilich die detaillierte Beleuchtung der ökonomischen und sozialen
Hintergründe des Nationalsozialismus erwartete.
Selbst
politisch bewußte Künstler beugten sich diesen branchenüblichen
Spielregeln, wie Brecht bei den Drehbucharbeiten am Fritz Lang-Film Hangmen Also Die
erfahren mußte. Der ihm zugeordnete englischsprachige Autor John Wexley
verwässerte seinen Drehbuchentwurf, obwohl er, anders als Brecht,
Mitglied der kommunistischen Partei war (Taylor 1984, 241). Hanns
Eisler, der dazu die Filmmusik komponierte, konnte dagegen seiner
politischen Haltung treu bleiben; daß er für das Schlußlied die
Melodie seines früheren Kominternliedes verwendet hatte, wurde
nicht beanstandet - wohl weil niemand diese Melodie kannte.
Viele
Emigranten hatten schon mit der Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft
ihren Außenseiterstatus verloren. Arnold Schönberg, der bereits im
September 1939 in die Urheberrechtsgesellschaft ASCAP aufgenommen wurde,
erhielt im April 1941 endlich auch die Staatsbürgerurkunde. Seine neuen
patriotischen Gefühle brachte er 1942 in einer Komposition zum
Ausdruck, die die League of Composers in Auftrag gegeben hatte. Für
seine Ode an Napoleon wählte er einen durchaus politischen
Byron-Text, mit dem er sich gleichzeitig zu Amerika bekennen und von
Hitler distanzieren konnte. "Der Schluß ist - für mich überraschend
- eine Huldigung an Washington. Der Text ist voll von Andeutungen auf
Hitler und unsere heutigen Ereignisse." (Brief Schönbergs an Felix
Greissle vom 17.5.1942 nach Nono-Schönberg 1992, 384) Diese Komposition
dokumentiert nicht nur Schönbergs größtmögliche Annäherung an
Amerika, sondern auch an die ästhetische Position einer politisch
engagierten Kunst.
Der
Kriegseintritt der USA überwand viele Gräben zwischen Einheimischen
und jenen Emigranten, die noch keine Staatsbürgerschaft erlangt hatten.
Erkennbar war dies an einem Schriftstellerkongreß, den die Hollywood
Writers' Mobilization in Verbindung mit der Universität von
Kalifornien UCLA im Oktober 1943 veranstaltete. Präsident Roosevelt
begrüßte die Veranstaltung als "symbol of our American faith in the Freedom of
Expression"; diese Freiheit des
Ausdrucks fordere von den Künstlern "to present and clarify the issues of our times". Wie es im Vorwort zu den gedruckten
Referaten hieß, sollte die Konferenz ein Aktionsprogramm für die
"Armee" der versammelten Künstler entwerfen (Arlt 1944, XI,
vgl. Taylor 1984, 280 ff.). Im Unterschied zu einer ähnlichen
Konferenz, die zwei Jahre zuvor an der UCLA stattgefunden hatte, besaß
diese internationalen Charakter. Neben US-amerikanischen
Regierungsstellen wie dem State Department, dem Office of War
Information und der United States Army hatten auch die Regierungen Großbritanniens,
der Sowjetunion, Chinas und vieler mittel- und südamerikanischer
Republiken mitgewirkt, weshalb sich die mehr als 1200 Teilnehmer unter
der Fahne der Vereinten Nationen versammelten.
Im
Vordergrund stand der Beitrag der Autoren für die Massenmedien Film,
Radio und Fernsehen. Auch ein Seminar Music and the War
konzentrierte sich mit Beiträgen u.a. von Hanns Eisler (Prejudices
and New Musical Material) und Darius Milhaud (Music in French
Film) auf Fragen der Filmmusik, wobei im Sinne der psychologischen
Kriegführung nun gerade die Hörgewohnheiten eines europäischen
Publikums von Interesse waren. Einem ähnlichen Zweck diente ein Referat
von Lion Feuchtwanger mit dem Titel On the Character of the Germans
and the Nazis. Angesichts des Krieges wurde der zuvor gemiedene
Exilbegriff für die aus Europa geflohenen Künstler jetzt
bereitwilliger akzeptiert. Lion Feuchtwanger lenkte in einem Seminar Writers
in Exile die Aufmerksamkeit auf die Arbeitsprobleme verbannter
Schriftsteller, während Thomas Mann auf die Beziehung des
Exilschriftstellers zu seiner Heimat einging.
Ein Jahr
später, im September 1944, folgte ebenfalls an der UCLA ein viertägiger
Kongreß Music in Contemporary Life, der die Rolle der Musik in
einer demokratischen Gesellschaft in den Mittelpunkt stellte. In der
Einladung wurde als Ziel genannt, "die Funktion von Musik in
unserer Gesellschaft zu definieren, ihre Bedeutung für alle Gebiete zu
bewerten, Musik und Musiker im gegenwärtigen Kampf beim Aufbau einer
freien Welt zu mobilisieren und die positiven Kräfte der Musik im
nachfolgenden Frieden einzusetzen" (Übersetzung vom Verf.).
Veranstaltet wurde die Konferenz von der Musikabteilung der Universität
in Verbindung mit The Musicians Congress, einer nationalen
Organisation, deren erste Aufgabe es war, "to further
the ideals of democracy through music".
In dem gemeinsamen Vorbereitungskomittee mit den Präsidenten Lawrence
Morton und Walter H. Rubsamen waren die aus Deutschland vertriebenen
Komponisten durch Ingolf Dahl und Ernst Toch vertreten.
Auch
beim Kongreß selbst diskutierten aus Deutschland und Österreich
stammende Musiker, Komponisten und Musikwissenschaftler Seite an Seite
mit ihren amerikanischen Kollegen. Der Anteil der Emigranten war dabei
deutlich höher als bei dem Schriftstellerkongreß des Vorjahres. In
einem Forum über Musikästhetik referierten neben drei Amerikanern die
Emigranten Max Schoen und Gerhard Albersheim; der 1902 in Köln geborene
Schenker-Schüler Albersheim hatte nach der Besetzung Österreichs 1940
Zuflucht in Los Angeles gefunden, wo er danach jahrzehntelang als
Professor für Musikwissenschaft tätig war. Dem Forum über
Musikbibliotheken gehörte der Musikhistoriker Otto Gombosi (1902-1955)
an, der als Ungar 1933 Berlin hatte verlassen müssen; ab 1940
unterrichtete er an der Universität des Staates Washington in Seattle.
Über Probleme der Aufführungspraxis sprach die aus Wien stammende
Landowska-Schülerin Alice Ehlers, die bis 1933 an der Berliner
Musikhochschule unterrichtet hatte; von 1942 bis 1962 konnte sie diese Tätigkeit
an der UCLA fortsetzen. Über Interpretationsfragen referierte kein
Geringerer als Artur Rubinstein, der sich 1941, im Jahr seines Debüts
in der Hollywood Bowl, in Los Angeles niedergelassen hatte. Aus Berkeley
war Manfred Bukofzer (1910-1955) angereist, der an der dortigen
Universität seit 1941 als Musikwissenschaftler lehrte und nun mit
Donald Grout, Raymond Kendall, Ruth Hannas und Otto Gombosi über den
Einfluß seines Faches auf das Musikleben diskutierte.
Ausschließlich
mit Emigranten besetzt war ein Forum Musik unter dem Faschismus.
Hanns Eisler stellte in seinem Referat Zeitgenössische Musik und
Faschismus die Unbrauchbarkeit der Musikstile Schönbergs,
Strawinskys und Bartóks für die künstlerisch konservativen Nazis fest
(Eisler 1944). Paul Nettl sprach über den Kriegseinsatz von Musik,
Walter Rubsamen über die politische Ästhetik der Nationalsozialisten,
Mario Castelnuovo-Tedesco über die Musik unter dem italienischen
Faschismus, während sich Theodor W. Adorno die musikalische
Voraussetzungen für den Faschismus in Deutschland zum Thema stellte.
Dieser bislang wenig beachtete Musikkongreß, auf dem ferner Alexander
Tansman, Ernst Toch und Paul Pisk auftraten (Darius Milhaud mußte zu
seinem größten Bedauern wegen einer Krankheit absagen), belegt
anschaulich den hohen Stellenwert, den Emigranten mittlerweile im
amerikanischen Musikleben einnahmen.