ALBRECHT DÜMLING (Hg.)
Zu
den Antipoden vertrieben. Das Australien‑Exil deutschsprachiger Musiker
(Pfau, Saarbrücken 2000, 161 S., 38,‑ DM)
Nur
9 000 jüdische Flüchtlinge entkamen bis September 1939 dem Naziterror nach
Australien, in den vierziger Jahren kamen noch wenige Tausend Deportierte aus
Mitteleuropa hinzu ‑ wie viele Musiker darunter waren, ist unbekannt: Sie
durften den Kontinent nur betreten, wenn sie einen anderen Beruf angaben.
Denn der Arbeitsmarkt war ihnen als Musiker so gut wie verschlossen. Welche
Erfolge und Pionierarbeit deutschsprachige Musiker und Komponisten dennoch vollbrachten,
darüber diskutierten Zeitzeugen, Musikwissenschaftler und Historiker 1996
während eines internationalen Kolloquiums in Dresden, dessen Ergebnisse jetzt
veröffentlicht wurden. Verdienstvolle, erste Erkundungen auf einer terra
incognita der Musikgeschichte, da es zu diesem Thema bisher nur wenig Literatur
gibt. Um so wichtiger sind die Überblicksdarstellungen von Johannes Voigt über
die deutsche Auswanderung nach Australien seit dem frühen 19. Jahrhundert, über
den Forschungsstand zum Exil in Australien von Gerhard Stilz und über das
wechselvolle Schicksal Berliner Musiker auf dem fünften Kontinent von Albrecht
Dümling.
So
waren Juden seit 1933 aufgrund von Vorurteilen als Einwanderer verpönt,
Masseneinwanderung wurde durch strikte Verordnungen verhindert. Erst 1938
wurde offiziell eine Aufnahme von 15 000 mitteleuropäischen Emigranten
empfohlen, die Quote wurde nie ganz erfüllt. Über die gefahrvolle Einwanderung
mit dem Flüchtlingsschiff Dunera und die qualvollen Aufenthalte in australischen
Internierungslagern, wo sich auf Initiative von Musikern wie Peter Stadlen
sogar ein Musikleben entwickeln konnte, berichten Wolfgang Benz und, aus
eigener Erfahrung, Walter Kaufmann und Klaus Loewald. Die offizielle Liste
deutscher Internierter, die auf der Dunera am 6. September 1940 Sydney
erreichten, ergänzt die eindrucksvollen Ausführungen. Einen weiteren
Schwerpunkt des Bandes bilden die Porträts der beiden Komponisten George
Dreyfus, geboren 1928 in Wuppertal, und Felix Werder aus Berlin, Jahrgang 1922,
die 1939 und 1940 nach Australien gelangten. Sie reagierten menschlich und
künstlerisch ganz verschieden auf die Situation im Exil: Während Dreyfus, vor
allem als Filmkomponist populär, sich in Australien integriert fühlt, begreift
sich Werder, der wohl profilierteste australische Komponist, noch immer als
Europäer. Daran anknüpfend reflektiert Hanns‑Werner Heister über die
politische Besetzung der Begriffe Exil und Emigration. Den Einfluss
deutschsprachiger Musiker der dreißiger Jahre auf das australische Musikleben
schätzen zwei Kenner der Szene unterschiedlich ein: Alphons Silbermann, der
von 1938 bis 1952 in Australien lebte, spricht nur vom Impetus, den Einzelne
der Musikszene in verschiedenen Musikgenres verliehen. Der Australier Andrew
D. McCredie hingegen schätzt die Bedeutung der Musiker, die Australien als
ständiges Gast‑ oder Heimatland wählten, auf längere Sicht als bedeutend
ein.
Dem Leser bieten sich in jedem Fall zahlreiche, interessante Anknüpfungspunkte und man darf auf die Ergebnisse des an dieses Kolloquium anschließenden Forschungsprojekts zum australischen Musikexil von Albrecht Dümling gespannt sein.
Barbara
von der Lühe, In: DAS ORCHESTER 10/2001