Plakat zur Ausstellung aus dem Jahr 1938

Plakat zur Ausstellung aus dem Jahr 1938

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine kommentierte Rekonstruktion zur Düsseldorfer Ausstellung von 1938
zusammengestellt von Albrecht Dümling, Berlin.
Design: Hagen Drasdo, Düsseldorf

 

I. Die NS-Ausstellung

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, betrachteten sie dies als den Beginn eines politischen wie kulturellen Umsturzes. Dem Pluralismus der Weimarer Republik wollten sie ein Ende bereiten und verfolgten deshalb so unterschiedliche Musiker wie Arnold Schönberg, Ernst Krenek, Kurt Weill und Hanns Eisler, die als „nichtarische“ Künstler den Anforderungen der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung nicht genügten. Angegriffen wurden aber auch „arische“ Musiker, die – wie etwa Paul Hindemith und Alban Berg – engen Umgang mit Juden hatten oder mit einem jüdischen Partner verheiratet waren.

Die thüringische Stadt Weimar war schon vor 1933 nationalsozialistisch infiltriert gewesen. 1930 ließ Paul Schultze-Naumburg, der neue Direktor der Kunsthochschule, Gemälde von Bauhaus-Künstlern beseitigen. Zu weiteren prominenten Nazis in Weimar gehörten Baldur von Schirach, Heinz Drewes und Hans Severus Ziegler. Drewes organisierte als Leiter der Musik-Abteilung im Propaganda-Ministerium die ersten „Reichsmusiktage“ des neuen Staates, die am 22. Mai 1938, dem 125ten Geburtstag Richard Wagners, in Düsseldorf begannen. Anlässlich dieser Reichsmusiktage eröffnete Ziegler, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, die Propaganda-Ausstellung „Entartete Musik“, für die er verantwortlich zeichnete. Als Vorbild diente ihm die Ausstellung „Entartete Kunst“ (München 1937).

 

II. Die Rekonstruktion

Während die Kunstausstellung nach dem Kriege mehrfach rekonstruiert wurde (u.a. in Berlin, München, Düsseldorf und Los Angeles), war die Musikschau fast vergessen. Der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling stieß auf sie 1986/87, als er Begleitkonzerte zur Düsseldorfer „Entartete Kunst“-Retrospektive vorbereitete. Peter Girth, damals Intendant der Düsseldorfer Symphoniker, regte die Rekonstruktion an.

Cover "Jonny spielt auf"

Cover "Jonny spielt auf"

Neben dem Rekonstruktionsversuch zeigt die neue Ausstellung die Zerstörung des Musiklebens der Weimarer Republik und gibt, wie die „Reichsmusiktage“, einen kursorischen Überblick über das deutsche Musikleben in den Dreißigern. Dazu gehört die „Forschung“ prominenter deutscher Musikwissenschaftler, die sich 1938 in Düsseldorf vor allem Rasseproblemen widmeten.
Für das Cover der Broschüre mit der Eröffnungsrede Zieglers verwendeten die Nazis den schwarzen Jazzmusiker Jonny aus Kreneks populärer Oper „Jonny spielt auf“ (1927); sie verwandelten dabei seine Nelke in einen Judenstern.

Katalog zur Ausstellung 1988

Katalog zur Ausstellung 1988

 

 

 

Das Poster von 1988 verbindet diese Nazi-Manipulation mit der Silhouette Anton Bruckners (nach dem berühmten Kaulbach-Porträt).
Bruckner war für die Machthaber der positive Gegenpol des „echt-deutschen“ Komponisten; einige der „Reichsparteitage“ ließen sie mit Bruckner- Symphonien enden und wählten eine Bruckner- Fanfare als musikalisches Symbol der „Tage der deutschen Kunst 1937“ in München.

Die Ausstellung wurde zu ihrem fünfzigsten Jahrestag 1988 in der Düsseldorfer Tonhalle eröffnet. Zu ihren weiteren Stationen gehörten allein 1988 die Wiener Festwochen, die Juni-Festwochen Zürich sowie das 100jährige Jubiläum des Concertgebouw Orkest Amsterdam. Verbunden mit vielen Begleitveranstaltungen kam die Ausstellung im Winter 1989/90 ins Germanische Nationalmuseum Nürnberg.

Als Ergänzung entstand 1989/90 der Film „Verbotene Klänge. Musik unter dem Hakenkreuz“, in dem beispielsweise der 90jährige Ernst Krenek über die Hetze gegen seine Oper „Jonny spielt auf“ spricht.

Auf Einladung der Los Angeles Philharmonic Association kam es zu einer englischsprachigen Version der Ausstellung, die im März/April 1991 unter dem Titel „Banned by the Nazis: Entartete Musik“ im Dorothy Chandler Pavilion des Music Center Los Angeles präsentiert wurde. Sie reiste danach nach New York (Bard Music Festival), Boston (Brandeis University), London (Royal Festival Hall), Barcelona (Auditori Municipal), Miami (Symphony of the West), Chicago (Ravinia Festival) und Tel Aviv (Bibliothek der Universität).

Inzwischen existiert auch eine spanische Version der Ausstellung, die im Oktober 2007 in der Universität Sevilla eröffnet wurde.

Katalog zur Ausstellung 2007

Katalog zur Ausstellung 2007

Angesichts neuer Forschungsergebnisse zur NS-Musikpolitik, die zu einem differenzierteren Bild führten, schien eine Neubearbeitung der deutschen Fassung notwendig. So entstand 2007 im Auftrag der Berliner Philharmoniker und der Tonhalle Düsseldorf die Ausstellung  „Das verdächtige Saxophon. ‚Entartete Musik‘ im Dritten Reich“.  Entsprechend der 1938 gezeigten Schau erhielten dabei die Aspekte Jazz und Operette größere Aufmerksamkeit. Ergänzt wird die aktuelle Ausstellung erstmals durch Audio Guides und ein neues, erweitertes Katalogbuch.

(Dazu Neue Musikzeitung sowie Musenblätter und k.west)

 

III. PRESSESTIMMEN

Die kommentierte Rekonstruktion jener Schandausstellung von 1938 … wendet sich an den mündigen Bürger, der mit den Augen nicht glotzt und auf den Ohren nicht sitzt.
FRANKFURTER RUNDSCHAU

Die Ausstellung vermittelt in Texten, Abbildungen und Tondokumenten ein beklemmendes Bild jener Zeit.
WESTDEUTSCHE ZEITUNG, Essen

Eine Ausstellung, die Betroffenheit auslöst.
LUZERNER TAGBLATT

Diese Ausstellung wird mit zu den wichtigsten Ereignissen gehören, die die Kulturhauptstadt, die auch einmal Hauptstadt der Unkultur war, zu bieten hat.
ZITTY, Berlin

Wie lange die Nazi-Urteile nachwirkten, weiß man aus eigener Erinnerung, wenn Jazz auch noch in den fünfziger Jahren als „Negermusik“ abgetan wurde.
NEUES VOLKSBLATT, Linz

Diese Ausstellung (plus Katalog und Kassette) gehörte ins geistige Gepäck eines jeden, der sich heute mit der Musik von damals beschäftigt und der wachsam bleiben will, daß „Entartung“ eine Vokabel bleibt, die der Vergangenheit angehört.
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, München

Für mich ein höchst aktueller Aufruf zu geistiger Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit.
NEUE ZEIT, Berlin

Was nach dem Besuch der Ausstellung bleibt: die Beklemmung darüber, wie Musik damals benutzt wurde und die quälende Parallele zur jüngsten Vergangenheit.
WIR IN LEIPZIG

It was a chilling reminder that such a thing could happen. I only wish we could have had this exhibit last year. It could have been a reminder of what happens when a government starts making artistic judgments.
LOS ANGELES TIMES

A landmark exhibition.
WOODSTOCK TIMES

The exhibit documents the Nazi’s scurrilous, illogical slander of musicians as disparate as Krenek, Bruno Walter, Richard Tauber and Josephine Baker, and shows with sickening clarity how susceptible music is to political ideology. As an audio tape plays, you tap your foot to a catchy march until you realize it was composed for some brownshirt rally. Then a chill goes up your spine.
THE WALL STREET JOURNAL

The exhibition stands as a worthy tribute to a lost epoch of music and a reminder that freedom of the arts cannot be taken lightly.
THE JEWISH CHRONICLE, London