5.
Erfolg und Wert
In Los Angeles galt der Künstlerberuf nur als ein
Beruf wie jeder andere. Die Hochachtung, die man in der Alten Welt dem Künstler
entgegenbrachte, war hier nahezu unbekannt. Respekt flößte nur der
geschäftliche Erfolg ein. Da dies auch für Künstler galt, überragte
das soziale Ansehen beispielsweise von Korngold oder Steiner weit das
von Schönberg oder Strawinsky. Nach der vom Film geprägten Vorstellung
mußte ein Erfolg sich sofort einstellen, wenn er überhaupt zum Tragen
kommen sollte; erwies sich ein Film als Flop, wurde er auf
Nimmerwiedersehen aus dem Verkehr gezogen. In seinem Vortrag Success
and Value versuchte dagegen Schönberg schon 1935 dem
Publikum von Los Angeles zu vermitteln, wie wenig Erfolg oder Mißerfolg
über den Wert einer Komposition aussagten. Er erwähnte die vielen
wichtigen Werke, die erst Jahrzehnte nach der Uraufführung in ihrer
wahren Bedeutung erkannt wurden und stellte abschließend fest, "daß
ein Gedanke desto weniger Erfolg hat, je tiefer er ist. ... Ich glaube
nicht, daß große Gedanken mehr und weitreichenderen Erfolg haben können".
(Schönberg 1976, 335)
Auch
bei fast allen seiner in Amerika entstandenen Kompositionen zielte Schönberg
jenseits von Erfolgsspekulationen auf den musikalischen Wert. In seinem Violinkonzert
op. 36 nahm er dazu weder auf die Hörer noch auf den Solisten Rücksicht;
da Jascha Heifetz, bei dem er angefragt hatte, die Uraufführung
ablehnte, konnte sie erst 1940 in Philadelphia mit dem Solisten Louis
Krasner stattfinden. Trotz seiner idealistischen Bekenntnisse war jedoch
auch Schönberg von Geldzahlungen und Publikumsrücksichten nicht völlig
unabhängig. Hätte er sein 4. Streichquartett komponiert, wenn
Elizabeth Sprague-Coolidge, die schon sein 3.Quartett finanziert hatte,
ihm nicht den Auftrag dazu erteilt hätte?
Die großzügige Mäzenin bezahlte auch das viertägige
Kammermusikfest, bei dem das Kolisch-Quartett im Januar 1937 sämtliche
Schönberg-Quartette spielte. Obwohl sie keinerlei stilistische Auflagen
gemacht hatte, hatte ihr der Komponist zuvor mitgeteilt, daß sein neues
Quartett "gefälliger" geworden sei als das dritte (Schönberg
1958, 216). Auf Verständlichkeit zielte auch eine Programm-Symphonie über
die jüdische Problematik, die er im Januar 1937 entwarf. Nicht nur in
der Orchestration des Klavierquartetts op. 25 von Johannes
Brahms, die er für Klemperer schrieb, sondern auch in seiner 2. Kammersymphonie
op.38 und den Orgelvariationen op.40 kehrte er zur Tonalität zurück.
Trotz unveränderter Theorie paßte sich somit Schönberg in der Praxis
zumindest teilweise an die amerikanischen Verhältnisse an.
Dagegen
näherte sich derjenige seiner Schüler, der sich am stärksten einer Ästhetik
der Gebrauchsmusik verschrieben hatte, Hanns EISLER, in einem großen
Sektor seines Exilwerks wieder der Position seines Lehrers an. Während
seiner ersten Amerika-Reise 1935, die ihn mit Organisationen der
Arbeiterbewegung in Verbindung brachte (Schebera 1978, 42 ff. u. Dümling
1987, 141 ff.), hatte für ihn die politische Funktion allerdings noch
ganz im Vordergrund gestanden. Damals hatte er auch Hollywood besucht
und dabei den Eindruck gewonnen, daß viele Mitarbeiter der
Filmindustrie politisch nach links tendierten. Als Beispiel für
engagierte Kunst nannte er den damals gerade im Entstehen begriffenen
Chaplin-Film Modern Times. In einem Aufsatz Hollywood - von
links gesehen, verfaßt für die in Moskau erscheinende Deutsche
Zentral-Zeitung, beschrieb Eisler den arbeitsteiligen
Produktionsprozeß bei Filmmusik. Die Aufteilung auf Spezialisten für Märsche,
symphonische Zwischenspiele etc., nur äußerlich eine Rationalisierung,
führe wegen des schlechten Geschmacks der bei der Auswahl maßgeblichen
Direktoren schließlich doch nur zu Kitsch (Eisler 1935, 304).
Als
der Komponist ein zweites Mal in Los Angeles eintraf, kam er nicht mehr
als Besucher, sondern als Emigrant. Die kritische Sicht von Hollywood
war geblieben, seine Lösungsvorschläge aber hatten sich gewandelt.
Obwohl Eisler bereits seit Januar 1938 als Gastprofessor an der New
School for Social Research in New York tätig gewesen war, hatte er erst
im Oktober 1940 ein ordnungsgemäßes Einwanderungsvisum erhalten (Schebera
1978, 76). Durch Vermittlung von Joseph Losey bewilligte ihm die
Rockefeller-Foundation ein Stipendium für ein
Filmmusik-Forschungsprojekt, dessen zweijährige Laufzeit am 1.Februar
1940 begann. Mit der Überschrift "Professor Eisler, emigrierter
deutscher Komponist, will unsere Filmmusik reformieren" kündigte
dies beispielsweise das New York World Telegram vom 26.2.1940
an. Bemerkenswert an diesem Projekt war die Verbindung von
praktischer Arbeit, beispielsweise der Komposition von mehreren
alternativen Filmmusikversionen, mit theoretischer Auswertung; Eisler
erhielt dabei Gelegenheit, seine kritische Sicht der gängigen
Hollywood-Praxis anhand von Beispielen zu konkretisieren. Bemerkenswert
war ferner, wie stark der Komponist zugunsten von ästhetischen
Prinzipien inhaltliche und ökonomische Erwägungen in den Hintergrund
stellte.
Als
er im August 1940 in diesem Zusammenhang nach Los Angeles kam, äußerte
er sich in der Presse zurückhaltender als zuvor in New York.
"Hollywood hat eine Anzahl bemerkenswerter Filmmusiken
hervorgebracht," erklärte er jetzt diplomatisch gegenüber den Pasadena
Star News. "Es wäre närrisch und taktlos von mir,
hierherzukommen und zu versuchen, Künstlern wie Korngold, Steiner,
Hapeman und Newman zu sagen, welche Art Musik und wie sie sie schreiben
sollen." (Schebera 1978, 80 f.) Daß seine eigenen Auffassungen von
denen Korngolds weit abwichen, demonstrierte er aber schon im Winter
1940/41 in dem Film Forgotten Village, zu dem John Steinbeck das
Drehbuch geschrieben hatte. Daß er in diesem 80 Minuten-Film mit einem
kammermusikalischen Ensemble von nur neun Musikern auskam, bezeichnete
die New York Times als "Qualitätsrekord" (Schebera
1978, 80). Aus der Filmmusik ging eine seiner farbigsten und
anspruchsvollsten Partituren, das Nonett Nr.2, hervor.
Obwohl
Eisler durchaus wußte, daß seine abweichenden ästhetischen
Anschauungen in Hollywood nicht sofort auf Gegenliebe stoßen würden,
übersiedelte er im April 1942 von New York nach Los Angeles. Neben dem
Auslaufen seines Filmmusik-Projekts dürften Aussichten auf weitere
Filmmusik-Aufträge, auf eine Professur an der University of California
(UCLA) und die Ankunft seines Freundes Bertolt Brecht seine Entscheidung
bestimmt haben. Brecht, der in Los Angeles die Nähe Feuchtwangers
suchte, war durch die Wirren des Exils für mehr als fünf Jahre von
Eisler getrennt gewesen. Nach dessen Ankunft begann sogleich wieder eine
intensive Zusammenarbeit, nun allerdings in anderen Formen. Da es in Los
Angeles praktisch kein Publikum für die Stücke und Gedichte Brechts
gab, richteten sich die meisten von Eislers Brecht-Vertonungen, darunter
nicht zuletzt das Hollywooder Liederbuch (vgl. Hufschmidt 1986,
Albert 1991 und Dümling 1985, 468 ff.), an ein zukünftiges Publikum in
einem imaginären Nachkriegsdeutschland. Nicht anders als Schönberg
richtete er sich somit in seinen Werken an die Nachwelt. Die
Exilsituation sowie die gemeinsame Abneigung gegen die Kulturindustrie
hatte diese Annäherung der Positionen bewirkt.
Tatsächlich
entkrampfte sich in Los Angeles das früher schwierige Verhältnis
zwischen Schönberg und Eisler, so daß er bald zu den häufigsten
Besuchern seines alten Lehrers gehörte. Zeitweise wohnte Eisler in
Brentwood geographisch in der Mitte zwischen den Häusern von Brecht und
Schönberg. Er vermittelte die Bekanntschaft zwischen den so ungleichen
Künstlern (Eisler 1975, 60 f.), die beide von seinem Filmmusik-Projekt
profitierten (Schebera 1978, 79). In einem Vortrag Success and Value
in Music, den er bei einem bislang
noch nicht identifizierten Symposium hielt, ging Eisler wie Schönberg
von der Beobachtung aus, daß sich die avanciertesten Künstler in
Opposition zur Gesellschaft befänden (Eisler 1939, 456).
Die
kritische Distanz zur Kulturindustrie teilte Eisler mit Theodor W.
Adorno, der in New York an einem ähnlichen Forschungsprojekt der
Rockefeller-Foundation, dem Radio Research Project, gearbeitet hatte und
fast gleichzeitig nach Los Angeles übergesiedelt war. Auch er ließ
sich in Brentwood nieder. Zwischen Eisler und Adorno, der ihm bei der
Abfassung seines Buchs Composing for the Films half, entwickelte
sich ein fast freundschaftliches Verhältnis. Adorno schrieb einige
Brecht-Vertonungen im Stil Eislers (Dümling 1985, 497 ff.), während
dieser ihm sogar eines seiner instrumentalen Hauptwerke, die Kammersymphonie,
widmete. Aus der Abwehr der Unterhaltungsbranche, die in der gleichen
Stadt blühte, schärfte sich ihre Theorie, erhielten ihre sprachlichen
wie musikalischen Gedanken aphoristische Kürze und Schlagkraft. Die
pointierte Prägnanz von Adornos Minima Moralia wurzelt in ähnlichen
Voraussetzungen wie die lakonische Prägnanz von Eislers Hollywood-Elegien.
Aller Bombast und aller schöne Schein sind getilgt.
Wo
sonst die Oberflächlichkeit triumphierte, verhüllt durch glänzend
organisierte Technik, entstanden so einige der scharfsinnigsten
musikphilosophischen Schriften dieses Jahrhunderts. Neben Adorno/Eislers
Komposition für den Film ist Adornos Philosophie der Neuen
Musik, Ernst Tochs Shaping Forces in Music, Schönbergs Style
and Idea und nicht zuletzt Thomas Manns Roman Doktor Faustus
zu nennen. Auch dieser Roman war trotz seines Los Angeles so fremden
Themas von den Bedingungen des Exils geprägt, nicht zuletzt von regelmäßigen
Gesprächen mit Adorno, Eisler und Schönberg, wie sie andernorts nicht
stattfanden, vielleicht auch nicht möglich gewesen wären. In seinem
"Roman eines Romans" notierte Mann, daß Schönberg den Umgang
mit Adorno mied. "Dagegen traf man im Hause Schönberg Hanns
Eisler, an dessen sprühendem Gespräch ich immer das heiterste Gefallen
fand. Besonders wenn es um Wagner ging und die komische Ambivalenz
seines Verhältnisses zu dem großen Demagogen, wenn er ihm 'auf die Sprünge
kam', den Finger in der Luft schüttelte und rief: 'Du alter Gauner!'
konnte ich mich ausschütten vor Lachen. Ich erinnere mich, wie er und
Schönberg eines Abends, übrigens auf mein Betreiben, am Klavier die
Parsifal-Harmonik nach unaufgelösten Dissonanzen durchsuchten."
(Mann 1976, 749)
Dem
Pragmatismus der US-Amerikaner mußten solche Diskussionen fremd sein.
Mit der Wirtschaftskrise hatte allgemein das Interesse an europäischer
Kultur abgenommen und sich statt dessen ein Amerikanismus entwickelt,
der sich auch auf die Musik erstreckte (vgl. Zuck 1980 u. Danuser 1987).
Man begann, sich auf die eigenen Wurzeln einer „amerikanischen“
Musik, beispielsweise auf Kirchengesang, Jazz und Folklore, zu besinnen
oder legte neuen Werken programmatisch Themen aus der US-amerikanischen
Geschichte zugrunde. Gerade in dem Augenblick, als eine große Zahl
bedeutender europäischer Künstler ins Land strömte, entwickelten sich
"Anflüge von Xenophobie" (Krenek 1987, 99). Sie führte zu
der vielbeklagten kulturellen Isolation der Emigranten, war zugleich
aber auch eine Voraussetzung dafür, daß die deutschsprachige Kolonie
in Los Angeles ihre eigene Identität beibehielt. Die künstlerisch
bedeutendsten Werke, die aus ihr hervorgingen, verdanken sich nicht der
Anpassung an die neuen Verhältnisse, sondern der Opposition.