| Musikerexil in Kalifornien | ||
| 1: Ins Paradies
vertrieben (Otto Klemperer, Arnold Schönberg, E. W. Korngold) 2: Komposition für den Film 3: Zwischen Isolation und Integration 4: Der rätselhafte Misserfolg eines
Berühmten 6: Neue Gemeinsamkeiten durch den Literatur
|
![]() Im Pazifik Albrecht
Dümling Zwischen
Außenseiterstatus und Integration 1. Ins
Paradies vertrieben So
sehr in den zwanziger Jahren Wolkenkratzer, Jazz und der Autoverkehr der
modernen Metropole das deutsche USA-Bild prägten, so sehr also New York
jenes Amerika verkörperte, das Fritz Lang in seinem Film Metropolis
visionär steigerte, so lag doch das eigentliche "Land der
unbegrenzten Möglichkeiten" von der amerikanischen Ostküste weit
entfernt. Das Gegenbild zur verwirrenden Enge New Yorks war die großzügige
Weite des amerikanischen Westens. Während Berlin die Millionenstadt am
Hudson River mit Hochhausbauten nachzuahmen versucht hatte, stellte
Kalifornien das ganz Andere dar, die neueste Version des Landes, wo die
Zitronen blühen. Zwei deutsche Traumbilder, das Goldgräberdorado und
der sonnige Süden, verbanden sich in Los Angeles mit der Traumfabrik
von Hollywood zu einem viele Fremde faszinierenden Amalgam. Verspürten
deutsche Ankömmlinge in New York noch Gemeinsamkeiten mit der Alten
Welt, so wehte in Kalifornien ein anderer, nur äußerlich milderer
Wind. Wer hier anlangte, mußte sich auf Ungewohntes einstellen. Durchaus
diesem Klischeebild entsprach die Art und Weise, wie Otto Klemperer nach
Los Angeles eingeladen wurde. Nach anfänglicher politischer Verwirrung
(Heyworth 1988, 468 f.) hatte sich der große Dirigent bald orientiert
und am 4. April 1933 fluchtartig seine Berliner Stellung verlassen. Als
er im Mai von der Schweiz aus den Maggio Musicale in Florenz
besuchte, sprach ihn auf der Straße eine unbekannte, bis heute nicht
identifizierte Amerikanerin an; sie fragte ihn, ob er der Maestro
Klemperer sei und berichtete sodann, daß man in Los Angeles einen neuen
Dirigenten suche. Der früher so begehrte, nun plötzlich arbeitslose Künstler
war interessiert. Schon wenige Wochen später traf er in Paris mit
William Andrews Clark, dem Geldgeber des Los Angeles Philharmonic
Orchestra, zusammen, und bereits am 17. Juni meldete die New York
Times, daß der ehemalige Chef der Berliner Kroll-Oper zwischen
Oktober 1933 und April 1934 84 Konzerte in Los Angeles dirigieren werde
(Heyworth 1981, 59). Nach
einer langen Reise mit Schiff und Eisenbahn kam Klemperer am 14. Oktober
1933 in Los Angeles an, wo er am Bahnhof von einer Blaskapelle empfangen
wurde. Zur Enttäuschung seiner Gastgeber war er aber weder an den Empfängen
interessiert, die man ihm zu Ehren arrangierte, noch an der
Filmindustrie, dem Stolz der Stadt. Bei der beliebten Frage nach seinem
Lieblingsregisseur nannte Klemperer ausgerechnet den Franzosen René
Clair. Allzu deutlich ließ er damit spüren, daß Kalifornien für ihn
nicht das erträumte Paradies war, daß er vielmehr unter der Hitze
litt, das Essen ablehnte und die ganze Stadt als ein gigantisches Dorf
empfand. Bei seinem ersten Konzert am 19. Oktober waren u.a. Salka
Viertel, Charlie Chaplin und Gottfried Reinhardt, der Sohn Max
Reinhardts, zugegen. Als Reinhardt den Dirigenten danach in der Künstlergarderobe
besuchte, war er Zeuge, wie dieser plötzlich von den Klängen von Stars
and Stripes überrascht wurde und wütend um Ruhe bat. Es stellte
sich heraus, daß niemand anderer als Clark selbst das Orchester
dirigierte. Er tat dies regelmäßig nach den Konzerten, gehörte dies
doch zu den Hauptmotiven seines Mäzenatentums. Klemperer, der die Kunst
bis dahin als "heilig" betrachtet hatte, stieß damit sehr
direkt auf ihre Käuflichkeit. Anders als seine bisherigen Orchester in
Deutschland war das von Los Angeles privat finanziert und damit von der
Gunst des Förderers abhängig. Bis
heute steht das Musikleben in Los Angeles im Schatten der Schwesterkünste
Film, Design und Architektur. Das erste erfolgreiche Symphonieorchester
der Stadt, die 1895 gegründete Women's Symphony, bestand
ausschließlich aus Frauen. Zwei Jahre später wurde das Los Angeles
Symphony Orchestra ins Leben gerufen, das bis 1919 existierte. Die
Nachfolger-Institution, das Los Angeles Philharmonic Orchestra, verdankt
sich der Initiative von William Andrews Clark. Da sein Vater bedeutende
Kupferminen im Staate Montana besaß, konnte sich der Sohn selbst
extravagante Pläne leisten. Mit seinem wirklichen Musikinteresse - er
hatte in Paris Violine studiert und 1911 in Los Angeles das
Saint-Saens-Streichquartett gegründet, bei dem er als zweiter Geiger
mitspielte - gehörte Clark in der schnell wachsenden Stadt zu einer
winzigen Minderheit. Zwar waren die musikalischen Fähigkeiten der früheren
Chefdirigenten Walter Henry Rothwell, Georg Schneevoigt und Artur
Rodzinski begrenzt und der Konzertsaal, eine umgebaute Kirche, unzulänglich.
Der schlechte Konzertbesuch lag aber vor allem an dem in Los Angeles
noch unterentwickelten Musikinteresse. So war es allein Clark, der durch
seine großzügige Unterstützung die Existenz des Orchesters sicherte.
Als sich die Möglichkeit bot, die nach dem Weggang Rodzinskis vakante
Chefposition mit Otto Klemperer, einem der bekanntesten europäischen
Orchesterleiter, zu besetzen, griff er sofort zu. Klemperer
hat das Los Angeles Philharmonic Orchestra in einem Brief an seine Frau
als "ganz gut, aber nicht sehr gut" (Heyworth 1981, 60)
beschrieben. Stärker irritierte ihn die mangelnde Bildung des
Publikums, die ihn - anders als in Berlin - zur Beschränkung auf
konventionelle Programme zwang. Selbst Bachs Brandenburgische
Konzerte, Schumanns 2.Sinfonie und Chopins 2.Klavierkonzert waren
hier nie zuvor gespielt worden. Angesichts dieser fehlenden Basis hatte
Klemperer Aufbauarbeit zu leisten. Er gab Kinderkonzerte mit eigenen, in
wunderlichem Englisch geschriebenen Einführungen, gründete und leitete
ein Jugendorchester (Klemperer 1936 b, 83) und richtete eine neue
Konzertserie an der Universität von Kalifornien (UCLA) ein. Trotz
der Attraktivität, die die Konzerte unter seiner Leitung gewannen, war
die finanzielle Situation für Dirigent und Musiker keineswegs stabil.
Clark hatte seit 1919 für das Orchester den stattlichen Gesamtbetrag
von 3 Mill. Dollar ausgegeben und wollte, wie man wußte, die
Verantwortung in andere Hände übergeben. Dennoch war sein plötzlicher
Tod im Juni 1934 ein Schock für alle Musikfreunde. Klemperer, dessen
Familie in Europa geblieben war, hatte bis dahin immer noch auf eine Rückkehr
nach Wien gehofft. Als er bei einem Besuch in der österreichischen
Hauptstadt im Sommer 1934 die dramatisch verschlechterte Lage bemerkte,
beschleunigte dies seine Entscheidung für die endgültige Übersiedlung
nach Amerika. Er akzeptierte den Dreijahresvertrag, den ihm eine neugegründete
Southern California Symphony Association im Januar 1935 anbot, und holte
noch im Sommer seine Familie nach Los Angeles nach. Wenige
Tage nach seinem 60. Geburtstag war inzwischen auch Arnold SCHÖNBERG
von Boston nach Kalifornien übergesiedelt. Den kalten Winter an der
Ostküste hatte er nur schlecht vertragen. Ausschlaggebend für seine
Entscheidung war neben dem günstigen Klima die Filmindustrie: Schönberg
hatte von gigantischen Einkünften der Filmkomponisten gehört und war
überzeugt, daß diese sich bei ihm als Privatschüler melden würden.
In seiner Naivität glaubte er außerdem, daß Klemperer seine Werke
aufführen würde. Auch noch nach seiner Ankunft zeigte er wenig Verständnis
für dessen schwierige Lage; er lehnte es beispielsweise im November
1934 ab, an einem Bankett zu Ehren des Dirigenten teilzunehmen (Schönberg
1958, 207). Erst als dieser am 18. Mai 1935 Schönbergs Suite für
Streichorchester, sein erstes in Amerika geschriebenes Werk, aufführte,
verbesserten sich die Beziehungen. Wenn er sich mit Rücksicht auf die
begrenzten Verständnismöglichkeiten des kalifornischen Publikums auch
fast nur auf die tonalen Werke sowie die Bearbeitungen konzentrierte, so
hat Klemperer doch in sechs Jahren beim Los Angeles Philharmonic
Orchestra mehr Schönberg-Kompositionen dirigiert als seine Nachfolger. Klemperer
und Schönberg, die so frühzeitig Zuflucht in Los Angeles fanden,
waren, bezogen auf Amerika wie überhaupt auch auf die Mehrheit der
Emigranten, Ausnahmefälle. Die große Mehrheit der aus Deutschland
vertriebenen Künstler hielt sich 1933/34 noch in Europa auf. In der
Hoffnung, daß Hitlers Tage gezählt seien, hatten sie sich in
Deutschlands Nachbarländern Tschechoslowakei, Österreich, Frankreich,
den Niederlanden und auch England niedergelassen. Prag, Wien, Paris,
Amsterdam und London waren damals die bevorzugten Exilorte, nicht aber
New York und das weit abgelegene Los Angeles. In
Kalifornien existierte zunächst wenig Verständnis für die Situation
der Neuankömmlinge. Wie bei Ernst Lubitsch, Friedrich W. Murnau, Emil
Jannings und Berthold Viertel, die schon vor 1933 nach Hollywood
gekommen waren, nahm man auch bei Klemperer und Schönberg an, vor allem
ein Interesse an Ausweitung des Aktionsradius habe sie nach Los Angeles
gebracht. In einem Land, wo nichts so sehr zählt wie Erfolg oder
wenigstens der Schein des Erfolgs, mußte die Vertreibung als "Mißerfolg"
aufgefaßt werden. Es war deshalb angebracht, den politischen
Hintergrund der Emigration zu verschweigen. Bei
manchen Künstlern war der Flüchtlingsstatus bei ihrem ersten
Eintreffen in Los Angeles noch keineswegs eindeutig. Als Max Reinhardt
1934 in der Hollywood Bowl den Sommernachtstraum inszenierte und
Erich Wolfgang KORNGOLD dazu Mendelssohns Musik bearbeitete, besaßen
beide Künstler noch ihren Wohnsitz und Arbeitsmöglichkeiten in ihrem
Heimatland Österreich. Amerikanern mußte es schwer fallen, den mit
tschechischem Paß und Besuchervisum eingereisten Schönberg von
Korngold zu unterscheiden, der sich 1934 mit seiner Frau und seinen
beiden Söhnen für ein halbes Jahr in Hollywood niederließ. Nur für
kurze Zeit ging er nach Wien zurück, um 1936 erneut einem attraktiven
Filmangebot der Paramount zu folgen. Trotz
seines Besuchervisums hat Schönberg nie einen Zweifel daran gelassen,
daß er seinen Abschied von Deutschland als endgültig betrachtete. Die
entscheidende Zäsur war für ihn die Rückkehr zum jüdischen Glauben,
die er im Juli 1933 in Paris vollzog. Seitdem stand er auf der anderen
Seite. Der frühere Einsatz für den Weltruhm der deutschen Kultur, wie
noch 1931 in seinem Aufsatz Nationale Musik, wurde nun abgelöst
durch Aktivitäten für die jüdische Sache (vgl. u.a. Mäckelmann
1984). Um seine in Deutschland verbliebenen Angehörigen nicht zu gefährden,
verzichtete Schönberg im Ausland auf öffentliche Stellungnahmen zur
Politik Hitler-Deutschlands - eine Zurückhaltung, die, wie er engsten
Freunden gestand, ihm nicht leichtfiel. Seinem Jugendfreund David Joseph
Bach schrieb er beispielsweise nach New York, wie schwer es sei, fortwährend
zu lächeln, wenn man Feuer speien möchte. In keinem Falle dürfe man
die Wahrheit sagen. "Hier will alles gelobt sein."
(Stuckenschmidt 1974, 367) Seiner
Begeisterung über die landschaftlichen Schönheiten von Los Angeles,
die er im November 1934 in einem Brief an Webern zum Ausdruck brachte
("Die Schweiz, die Riviera, der Wienerwald, die Wüste, das
Salzkammergut, Spanien, Italien - alles ist hier auf einem Platz
zusammen..."; vgl. Nono-Schönberg 1992, 310), stand die Sorge um
den Lebensunterhalt gegenüber. Schönbergs Unterrichtstätigkeit begann
im Herbst 1934 mit einer Gruppe von vier Personen, die er in
unbeholfenem Englisch in die musikalische Logik einführte. Obwohl sich
die Zahl seiner Schüler nicht zuletzt mit Unterstützung Klemperers im
folgenden Frühjahr erhöhte und ihm die in der Innenstadt von Los
Angeles gelegene University of Southern California (USC) Sommerkurse für
Komposition anbot, verhandelte er aus finanziellen Gründen weiter mit
der Juilliard School New York. Weiterhin interessierte ihn auch der
Vorschlag seines ehemaligen Schülers Hanns Eisler, die Leitung eines
Musikinstituts in der Sowjetunion zu übernehmen (vgl. Nono-Schönberg
1992, 311). Da ihm aber Fritz Stiedry von einer Übersiedlung in die
Sowjetunion eher abriet und die Juilliard School statt der erwarteten
10.000 Dollar Jahresgehalt nur 5000 Dollar bieten konnte, entschied sich
Schönberg für den Verbleib in Kalifornien. Die Professur für
Komposition, die ihm die zweite große Universität von Los Angeles, die
UCLA, ab Oktober 1936 anbot, war zwar auch nicht besser dotiert, dank
der günstigeren Lebensverhältnisse jedoch dem New Yorker Angebot
vorzuziehen. Der
Ablauf des Besuchervisums stand langfristigen Plänen allerdings im
Wege. Noch im Herbst 1935 erwog Schönberg die Alternative, nach London
überzusiedeln; er entwarf einen entsprechenden Hilferuf an Artur
Schnabel (Stuckenschmidt 1974, 371). Nachdem aber Ende 1935 endlich das
Besucher-Visum verlängert worden war, traf er rasch seine
Entscheidungen. Er akzeptierte die Professur an der UCLA und kaufte nur
wenig später, im Frühjahr 1936, im westlich von der Universität
gelegenen Stadtteil Brentwood - auf halber Strecke zwischen UCLA und
Pazifik - zum Preis von 18.000 Dollar eine Villa im spanischen
Kolonialstil, wo er bis zu seinem Tod lebte. Im
Dezember 1936 traf in Los Angeles ein weiterer Komponist ein, der im
Musikleben der Weimarer Republik eine herausragende Rolle gespielt
hatte: Ernst TOCH. Anders als Schönberg kannte er die USA bereits von
Konzertreisen, und anders als dieser hatte er - wie Briefe im
Toch-Nachlaß belegen - schon früher mit dem Gedanken gespielt, dort
eine Stelle als Kompositionslehrer zu übernehmen. Als sein Verleger
Ludwig Strecker im April 1931 von einer Amerika-Reise zurückkehrte,
empfahl er Toch vor allem das Curtis Institut in Philadelphia sowie die
Juilliard School in New York und fragte wegen freier Stellen sogleich
bei Josef Hofmann, dem Direktor bei Curtis, an. Bei seiner sechswöchigen
Konzerttournee, die ihn Februar/März 1932 unter anderem nach Boston,
Detroit, Seattle und San Francisco führte, erkundigte sich der
Komponist an Ort und Stelle nach den Möglichkeiten. Da
ihm vor allem daran gelegen war, die Verbindung zum Boston Symphony
Orchestra aufrecht zu erhalten, bot er dessen Chefdirigenten Serge
Koussevitzky die amerikanische Erstaufführung seines neuen
Klavierkonzerts an. Dieser antwortete am 31. Januar 1933, das Kontingent
zeitgenössischer Klavierkonzerte sei in dieser Saison leider schon
vergeben (an Florent Schmitt und Serge Prokofieff). Die am Vortag
erfolgte Machtergreifung Hitlers blieb in diesem Brief unerwähnt. Um so
dringlicher wies Ernst Toch seinen Kollegen am 1. April, dem Tag des
Boykotts jüdischer Geschäfte, in einem Brief auf die Konsequenzen hin:
"Verehrtester Herr Koussevitzky! Die Wendung der Dinge hier veranlaßt
mich, Sie mit aller Dringlichkeit zu bitten, an mich zu denken, wenn
sich irgendeine Möglichkeit in Ihrer Sphäre bietet."[1] Nicht
nur wegen des Reichstagsbrands, dem eine Verhaftungswelle gefolgt war,
hatte sich die Situation in Berlin zugespitzt. Als österreichischer
Jude mußte Toch ohnehin fürchten, seine Arbeits- und
Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Der Antrag auf Einbürgerung, den
er im August 1932 gestellt hatte, war am 28. Februar abgelehnt worden.
Am 27. April suchte der Komponist beim Berliner Polizeipräsidium
"bis auf Weiteres" um eine Aufenthaltsbewilligung an. Er begründete
dies damit, daß er seit 1909, seit er mit einem Mozartstipendium nach
Frankfurt am Main gekommen war, fast ununterbrochen in Deutschland
gelebt und gearbeitet hatte. Nach 24 Jahren war nun seine Weiterarbeit
nicht mehr gesichert. Die
Antwort des Polizeipräsidiums wartete er nicht mehr ab. Wie Klemperer
fuhr er Anfang Mai zum Maggio Musicale nach Florenz, um von dort
sofort nach Paris weiterzureisen. In der französischen Hauptstadt traf
Toch Tausende von geflüchteten deutschen Juden, unter ihnen Arnold Schönberg.
Als dieser seine Rückkehr zum Judentum als ein Bekenntnis gegen Hitler
verteidigte und ihn um Unterstützung bei der Gründung einer
Vereinigten Jüdischen Partei bat (Ringer 1979, 31), antwortete der Jüngere,
er lasse sich von den Nazis nicht seine Religionszugehörigkeit
vorschreiben (Jezic 1989, 65). Toch blieb auch im Exil ein von religiöser
Toleranz geprägter Universalist. Auf
der Suche nach einer neuen Existenz richtete sich sein Hauptinteresse
auf Amerika. Nachdem die Aussichten auf eine Stelle als
Kompositionslehrer verflogen waren, blieb ihm noch die Alternative einer
anderen musikalischen Lehrstelle oder eines Filmmusikauftrags. Trotz
seiner eigenen Bekanntheit holte sich Toch die Hilfe anderer prominenter
Kollegen, beispielsweise von Arturo Toscanini und Leo Kestenberg. Bruno
Walter und Roger Sessions, die den Komponisten aus Berlin kannten und
ihn an die New School for Social Research in New York empfahlen. Nach
Filmarbeiten in England begann der Komponist tatsächlich seinen
Amerika-Aufenthalt als Kompositionslehrer dieser von Alvin Johnson begründeten
"University in Exile", bevor er im Sommer 1936 nach Los
Angeles übersiedelte. Den Ausschlag gab ein Auftrag der Paramount
Pictures, die Musik zu dem Film Peter Ibbetson zu komponieren. Da
Toch außerdem die kalifornische Landschaft, die Berge, Schluchten und
die exotischen Pflanzen, liebte, bezog er mit seiner Frau und seiner
Tochter ein Haus im äußersten Westen von Los Angeles, in Pacific
Palisades an der Pazifikküste. Obwohl
der Komponist Ruhe und Einsamkeit liebte, hatte er schon kurz nach
seiner Ankunft Kontakt zu dem in Brentwood lebenden Prinz Hubertus zu Löwenstein
aufgenommen. Der Prinz gehörte zu den Organisatoren der American
Guild for German Cultural Freedom, deren Ziel die "Erhaltung
der schöpferischen Kräfte des Deutschtums" war. Dazu sollte eine German
Academy of Arts and Sciences aufgebaut werden, dem von deutscher
Seite u.a. bereits Heinrich und Thomas Mann, Stefan Zweig, Arnold Zweig
und Lion Feuchtwanger angehörten. Am 23. September 1936 führte die American
Guild ein von Otto Klemperer geleitetes Konzert des Los Angeles
Philharmonic Orchestra durch, dessen Erlös dem Aufbau dieser
Exil-Akademie zugute kommen sollte. Da die Zukunft des Orchester zu
diesem Zeitpunkt ungesichert war (Klemperer 1936 a), wurde das Konzert,
bei dem Klemperer u.a. Tochs Musik für Bariton und Orchester op.60
dirigierte, als "farewell concert" angekündigt. Erst im
Oktober war die Weiterexistenz des Orchesters gesichert.
Toch
wie Klemperer waren an dieser Form des geistigen Widerstandes sehr
interessiert. Zusammen mit dem Theologen Paul Tillich gehörte Toch ab
1937 dem Beirat der Selfhelp of German Emigrés an (Middell 1980,
529). Auch Klemperer stand in ständigem Kontakt mit Prinz Hubertus zu Löwenstein,
mit dem zusammen er sich für hilfsbedürftige emigrierte Künstler
einsetzte.[2]
2.
Komposition für den Film
Ernst
TOCH, der zehn Jahre für Hollywood arbeitete, war dort einer der
professionell fähigsten Komponisten. Nicht ohne Stolz erwähnte die
Paramount auf dem Abspann ihrer Filme seinen Namen stets mit
Doktortitel. Die Qualität seiner Musik, die teilweise auch für andere
Produktionen wiederverwendet wurde (Jezic 1989, 82), stand im Kontrast
zu der meist zweitrangigen Qualität der Filme; der Komponist besaß
offenbar nicht genügend Durchsetzungsvermögen, um eine Mitwirkung bei
höherwertigen Streifen zu erreichen. Obwohl er im Berlin der zwanziger
Jahre auch bereits Gebrauchsmusiken komponiert hatte, empfand er die
Arbeit für die Filmindustrie mehr und mehr als Zumutung, als eine Form
von Prostitution. Trotz dreimaliger Nominierung zum Academy Award
blieb ihm der große künstlerische Erfolg versagt. Von Hollywood
abgestoßen wandte er sich mehr und mehr Formen der absoluten Musik zu. Es
ist ein merkwürdiger Widerspruch, daß - mit Ausnahme von Hanns Eisler
und Darius Milhaud - die früheren Verfechter einer Gebrauchsmusikästhetik
und Filmmusikpioniere in Hollywood weniger reüssierten als
traditionelle Komponisten. Karol RATHAUS und Kurt WEILL gaben nur kurze
Gastspiele in der Filmbranche, während Paul HINDEMITH nicht einmal
einen Versuch unternahm. Erich Wolfgang Korngold dagegen, der bei den
Gebrauchsmusikexperimenten immer abseits gestanden hatte, avancierte in
Hollywood zum erfolgreichsten Filmmusikkomponisten. Mit seiner
finanziell lukrativen Karriere war eine opern-sinfonische Aufwertung der
Filmmusik verbunden, die sich freilich auf sein Ansehen als Komponist
eher schädlich auswirkte. Obwohl sich seine Kompositionen für die
Opernbühne und die für die Filmleinwand in den musikalischen Mitteln
nicht prinzipiell unterscheiden, waren die Bereiche des Hollywood-Films
und der Oper durch Welten getrennt. Arnold
Schönberg hat diese ästhetische wie soziale Differenz instinktiv gespürt.
Trotz finanzieller Probleme, obwohl es sein erklärtes Ziel war,
wohlhabende Filmkomponisten als Schüler zu gewinnen und obwohl er
George Gershwin nicht nur als Tennispartner schätzte (vgl.
Nono-Schoenberg 1992, 340), nahm er Angebote der Filmindustrie mit größter
Vorsicht auf. Dabei mußte ihm das Honorar von 25 000 Dollar, das ihm
Irving Thalberg im November 1935 für die Musik zum Pearl Buck-Film The
Good Earth bot, als außergewöhnlich attraktiv erschienen sein. Mit
dem Betrag, der dem Fünffachen seines Jahresgehalts als Hochschullehrer
entsprach, hätte er mühelos ein Haus erwerben können. Statt dessen
forderte er für sich die Kontrolle nicht nur über die Musik, sondern
über den gesamten auditiven Teil einschließlich der Dialoge. Vollends
unannehmbar war die Höhe seiner Honorarforderung: 50 000 Dollar. Nach
Angaben seiner Frau wollte Schönberg damit das Interesse des
Produzenten, das durch eine Rundfunkübertragung seines Frühwerks Verklärte
Nacht ausgelöst worden war, endgültig dämpfen. Andererseits
war der Komponist aber schon in Berlin ein naiver Bewunderer
amerikanischer Filme gewesen. Angesichts seiner sehr hohen Selbsteinschätzung
wäre es nicht einmal undenkbar, daß er den Riesenbetrag für
"angemessen" hielt. Hätte Schönberg die Aufgabe für gänzlich
unannehmbar gehalten, hätte er kaum mehrere Entwürfe in tonalem Idiom
skizziert. Aus einem Brief an Alma Mahler-Werfel vom 23.Januar 1936 geht
seine ambivalente Haltung hervor. Einerseits war er über die Ablehnung
erleichtert, "denn ich wäre darüber zu Grund gegangen";
andererseits malte er sich auch die Möglichkeiten aus, die ihm dieser
Auftrag verschafft hätte: "Wenn ich es doch überlebt hätte, würden
wir - bescheiden allerdings - immerhin eine Reihe von Jahren haben leben
können, was bedeutet haben würde, daß ich endlich wenigstens meine
angefangenen kompositorischen und theoretischen Werke hätte bei
Lebzeiten vollenden können, wenn auch nichts Neues mehr anfangen. Aber
dafür hätte ich gerne mein Leben und meinen Ruf geopfert..."
(Stuckenschmidt 1974, 373)[3].
Das gigantische Filmhonorar hätte ihm die Verwirklichung einiger jener
Projekte ermöglicht, für die er 1945 vergeblich ein Stipendium der
Guggenheim-Foundation beantragte (Schönberg 1958, 243 f.). Sollte Schönberg
tatsächlich an dem Honorar interessiert gewesen sein, was nicht
auszuschließen ist, dann hätte er in diesem Fall zu hoch gepokert.
Hoch war auch der Einsatz von Irving Thalberg, "für einen
Hollywood-Produzenten ein überraschend gebildeter und vorurteilsloser
Mann" (Taylor 1984, 109); er starb nur einige Monate nach seinem
Vorstoß im Alter von nur 37 Jahren. Mit
weniger moralischen Skrupeln schafften jene Komponisten den Anschluß an
Hollywood, die schon im Berlin der zwanziger Jahre mit Operetten sowie
mit Songs für Kabarett, Revue und Tonfilm ihr Auskommen gefunden
hatten. Werner Richard HEYMANN konnte mit Musik zu den Lubitsch-Filmen Blaubarts
achte Frau, Ninotschka und To Be or Not To Be an seine
früheren UFA-Erfolge anknüpfen. Walter JURMANN und Bronislaw KAPER,
die in Berlin bei Filmschlagern zusammengearbeitet hatten, taten dies ab
1935 auch im Auftrag der MGM. Auch Friedrich HOLLAENDER setzte ab 1935
in Hollywood fort, was er mit seinen Berliner Kabarettchansons, vor
allem aber mit dem Tonfilm Der blaue Engel, begonnen hatte. Der Jüngste
unter ihnen, der 1906 in Oberschlesien geborene Franz WAXMANN, war der
Flexibelste und Produktivste. In Berlin hatte er als Pianist der Weintraub
Syncopators, dann als Orchestrator und Dirigent der Blaue Engel-Filmpartitur
erst am Anfang seiner Karriere gestanden. In Hollywood, wo er 1934
eintraf, durfte er mit Fritz Lang und Alfred Hitchcock bei so wichtigen
Produktionen wie Fury und Rear Window (Fenster zum Hof)
mitarbeiten. Ähnlich wie der Amerikaner David Raksin (vgl.Raksin 1987)
gelang es dem oft noch unterschätzten Komponisten, Elemente des Jazz
mit solchen der Schönberg-Schule zu verbinden. Daß er für seine Musik
zu Sunset Boulevard (1950) und A Place in the Sun (1951)
zweimal nacheinander den Oscar erhielt, war selbst für Hollywood ungewöhnlich.
Waxmann verstand es, die Chancen, die sich an seinem Exilort
boten, voll zu nutzen - den Privatunterricht bei Schönberg
eingeschlossen. Unbestrittener
Star unter den Filmkomponisten war Erich Wolfgang KORNGOLD, der erst
1938, nach der Besetzung Österreichs, Hollywood zum ständigen Wohnsitz
wählte. Nach der Verfilmung des Sommernachtstraums mit Max
Reinhardt war er für einzelne Produktionen nach Kalifornien zurückgekehrt
und hatte in den Abenteuer- und Kostümfilmen Captain Blood (mit
Erroll Flynn) und Anthony Adverse das in diesem Genre Übliche
weit übertroffen; mit Wagnerscher Leitmotivik und spätromantischer
Melodik gab er der Musik einen hohen Stellenwert. Die sinfonisch
durchkomponierte, fast ständig Handlung und Dialoge untermalende
Filmpartitur, wie sie Ernst Toch schon 1934 bei Katharina die Große
verwirklicht hatte, wurde bei Korngold zum Grundprinzip. Der
Hollywood-Film wurde damit zum Opernersatz. Für Korngold, der nach
seiner Emigration keine weitere Oper komponierte, galt dies auch in
einem wörtlichen Sinne. Nicht allein die Filmarbeit hielt ihn von
musikalischen Bühnenwerken ab, sondern ebenso die - nicht zuletzt von
Klemperer bedauerte - Tatsache, daß in Los Angeles kein Opernhaus
existierte. (Schon aus solchen Gründen hatte die Sommernachtstraum-Inszenierung
in der Hollywood Bowl unter freiem Himmel stattfinden müssen.) Diese
Annäherung des Films an die Oper konnte Korngold nur durchsetzen, weil
die Firma Warner Brothers ihm weitreichende Vollmachten eingeräumt
hatte, vergleichbar denen, die Schönberg vergeblich für sich gefordert
hatte. In dem 1938 geschlossenen Vertrag wurde ihm die freie Wahl der zu
vertonenden Filme, die absolute Kontrolle über ihre musikalische Seite,
Mitsprache beim Schnitt, falls dies aus musikdramaturgischen Gründen
erforderlich war, sowie die Urheberrechte an seiner Musik zugesprochen.
Wegen dieser für Hollywood einmaligen Bedingungen, um die ihn seine
Kollegen beneideten, konnte Korngold zu Recht behaupten: "Ich fühle
mich hier als Künstler sehr glücklich. Keiner sagt mir, was ich tun
soll." (Taylor 1984, 119 f.) Nur der schon vor 1933 von Wien nach
Hollywood übergesiedelte Mahler-Schüler Max STEINER, der Komponist
u.a. von King Kong, Vom Winde verweht und Casablanca,
konnte sich mit ihm messen. Erich
Wolfgang Korngold war nicht der einzige Emigrant, der sich nach der
Besetzung Österreichs in Kalifornien niederließ und in Hollywood
Arbeit fand. Zu erwähnen ist auch Ralph BENATZKY, der wegen seiner
herausragenden Berliner Erfolge mit Chansons, Filmen und Revueoperetten
(Im Weißen Rößl) sogleich einen MGM-Jahresvertrag erhielt,
ohne sich jedoch mit der Filmindustrie anfreunden zu können. Zu den
Neuankömmlingen gehörten ferner der Komponist Erich ZEISL (vgl. Cole
1984, Zeisl-Schönberg 1990), der spätere Operndirektor in San
Francisco Walter HERBERT (früher Herbert Walter Seligmann), der Gal-Schüler
Robert KATSCHER und - als Vertreter der jüngeren Generation - die
Komponisten und Musiker Ernst GOLD, Peter Jona KORN und André PREVIN
(eigentlich Priwin). 3.
Zwischen Isolation und Integration 6.
Neue Gemeinsamkeiten durch den "war effort" Die
vorstehenden Beobachtungen gehen auf meinen Aufenthalt 1989/90 als Getty
Scholar in Santa Monica (Kalifornien) zurück. Neben dem Getty Center
for the History of Arts and the Humanities gilt mein Dank den
Musikbibliotheken von UCLA und USC, dem Arnold Schoenberg Institute
sowie Ernest Fleischmann, Ernst W. Korngold (Los Angeles), Ernst Krenek
(Palm Springs), Eva Einstein (El Cerrito), Lotte Klemperer (Zürich),
John Waxman (Westport, Connecticut) und meinem Assistenten Jim Westby.
[1]
Brief
Ernst Toch an Serge Koussevitzky vom 1.4.1933, Original in
Toch-Archiv [2] Laut brieflicher Mitteilung von Lotte Klemperer an den Autor. [3]
Es ist
daran zu erinnern, daß Schönberg schon früher einmal, 1912 gegenüber
Albertine Zehme, sehr hoch gepokert hatte und ihr Zögern dann
erleichtert kommentierte. "Es scheint, mein Schicksal will mich
vor jeder noch so kleinen künstlerischen Sünde bewahren. Denn wenn
ich selbst einmal nicht den Mut habe, einen sich bietenden
Geldbetrag, den sich sehr nötig brauche, abzuweisen, dann aus der
Sache nichts. So daß ich immer rein bleibe und nur eine Gedankensünde
begangen habe." Vgl. Schönberg 1974, 26. Schönbergs
schlechtes Gewissen war in diesem Fall nicht von Dauer. Nachdem die
Auftraggeberin schließlich doch seine Bedingungen annahm,
komponierte er ohne erkennbare Hemmungen seinen "Pierrot
lunaire".
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