3. Zwischen Isolation und Integration

Hatten die Emigranten zuvor Hollywood und Brentwood bevorzugt, so gewannen nun die weiter westlich am Pazifik gelegenen Bezirke Santa Monica und Pacific Palisades größere Bedeutung. Den Anfang machten die Schriftsteller, für die die räumliche Nähe zu den Studios unwesentlich war. Für sie war bis zur deutschen Besetzung Frankreich das ideale Asylland gewesen. Um in Ruhe arbeiten zu können, hatten viele ihren Wohnsitz jedoch nicht in Paris, sondern in der idyllischen Kleinstadt Sanary-sur-Mer an der französischen Riviera genommen. René Schickele hatte seine Freunde Thomas Mann und Heinrich Mann dorthin eingeladen, und nur wenig später sollten Alfred Döblin, Ludwig Marcuse, Ernst Toller, Lion Feuchtwanger und zeitweilig auch Bertolt Brecht folgen. Unter oft abenteuerlichen Bedingungen konnten die Mitglieder dieser Künstlerkolonie 1940 dem Zugriff der Nazis entkommen und in die USA fliehen. Dort ließ man sich in dem Landstrich nieder, der in Klima und Vegetation, mit Palmen und blauem Meer am meisten der französischen Riviera ähnelte: in Pacific Palisades und Santa Monica, den Küstenorten von Los Angeles.

Als erster hatte sich Thomas Mann, der seit Frühjahr 1939 einen Lehrauftrag an der Universität von Princeton wahrnahm, für die Nähe des Meeres entschieden. Im Sommer 1940 mietete er sich unweit von Schönberg in Brentwood ein, erwarb sich aber gleichzeitig schon ein Grundstück in Pacific Palisades. "Ich habe, was ich wollte - das Licht; die trockene, wohltuende Wärme; Weitläufigkeit im Vergleich zu Princeton; die Steinbuchen, Eukalyptusbäume, Zedern und Palmen; die Spaziergänge am Meer, das wir mit dem Auto in wenigen Minuten erreichen können." (Taylor 1984, 193) Lion Feuchtwanger, der mit Heinrich Mann und Werfels im Winter 1940/41 eintraf, bezog zunächst ein Haus in Santa Monica, konnte aber 1943 zu günstigen Bedingungen eine prachtvolle Villa in Pacific Palisades am Paseo Miramar hoch über dem Meer erwerben. Wie das Haus von Salka Viertel direkt oberhalb des breiten Sandstrands von Santa Monica, ähnlich wie die Residenz der Werfels im noblen Beverly Hills, sollte sich die Feuchtwangersche "Villa Aurora" bald zu einem wichtigen Treffpunkt des "neuen Weimar" entwickeln (Schnauber 1992, 109f.).

Angesichts der Weitläufigkeit von Los Angeles bewahrte nur ein Auto und ein Telefon vor völliger Isolation. Da Cafés, Theater, Akademien, Boulevards und andere Orte, wo sich Künstler in Berlin sonst getroffen hatten, in der kalifornischen Flächenstadt weitgehend fehlten, war man auf geräumige Privathäuser angewiesen. Schon daraus ließ sich ablesen, daß Kunst in diesen Breiten kaum noch eine öffentliche Angelegenheit, sondern mehr eine Privatsache, fast so etwas wie Luxus, war. Bei ihren Treffen blieben die deutschsprachigen Künstler meist unter sich; nur selten stießen Kollegen aus Europa wie Aldous Huxley, Christopher Isherwood und Charlie Chaplin oder gar Amerikaner hinzu.

Hatte sich die deutsche Kolonie, inspiriert durch die Sanary-Erfahrung, zur Westküste hin orientiert, so ließ sich eine Gruppe erfolgreicher russischer und polnischer Künstler an den mehr im Landesinnern gelegenen Hängen der Santa Monica Mountains im exklusiven Beverly Hills, dem Wohnsitz vieler Filmstars, nieder. Unweit von Jascha Heifetz, der schon 1930 nach Los Angeles gekommen war, lebten zeitweise Vladimir Horowitz, Serge Rachmaninoff, Artur Rubinstein und Igor Strawinsky in enger Nachbarschaft. Nur wenig entfernt davon wohnte der Dirigent Bruno Walter, der allerdings vorzugsweise in New York dirigierte. Weiter westlich, in der durch eine eigene Zufahrt abgetrennten Prominentensiedlung Bel Air, lag das Haus Otto Klemperers. Obwohl der kurvenreiche Sunset Boulevard diese beiden Zentren des Exils verband, lagen geistig und sozial Welten zwischen ihnen. Während in Beverly Hills eine politisch wie ästhetisch konservative Sicht dominierte, herrschte weiter westlich in Santa Monica ein liberaleres, aufgeschlosseneres Klima. Im Unterschied zu dem sonst in Los Angeles zu registrierenden politischen Desinteresse wurde hier häufig und lebhaft über die Lage in Europa diskutiert.

Obwohl Los Angeles zweifellos der wichtigste Sammelpunkt der europäischen Musikeremigration an der Westküste war, hatten einige Künstler den Weg an die Bay von San Francisco gefunden. Neben Walter Herbert ist der österreichische Komponist und Musiktheoretiker Walter KLEIN (1882-1961) zu nennen, der als Theorie- und Kompositionslehrer am Presbyterian Theological Seminary in San Anselmo sowie am Mills College in Oakland tätig wurde. Vermittelt u.a. durch Pierre Monteux, den damaligen Chefdirigenten des San Francisco Symphony Orchestra, erhielt Darius MILHAUD eine Stelle am bereits erwähnten Mills College, zu dessen Schwerpunkten die französische Kultur gehörte. Nur mit wenig Gepäck war er nach abenteuerlicher Flucht über Spanien und Portugal am 15. Juli 1940 in New York eingetroffen, wo sein Freund Kurt Weill ihn am Schiff abholte (Milhaud 1962, 206). In Frankreich fiel bald darauf ein Teil seines Besitzes der NS-Dienststelle Rosenberg in die Hände (Dümling/Girth 1988, 101). In einem gebrauchten Auto durchquerte der Komponist mit seiner Frau den ganzen Kontinent, um nach mehrtägiger Fahrt schließlich den neuen Arbeitsplatz an dem kalifornischen Mädchencollege zu erreichen.

Obwohl Milhaud bis dahin keine Lehrerfahrung hatte sammeln können, beglückte ihn der Unterricht am Mills College. Im Unterschied zu Schönberg war er mit den Leistungen seiner Schüler zufrieden. "Die Mehrzahl der amerikanischen Studentinnen ist unglaublich begabt. Ich wundere mich immer wieder über die Tatsache, mit welcher Leichtigkeit sie ... die Übung ausführen.... Sie haben Selbstvertrauen und sind frei von Komplexen oder Hemmungen." (Milhaud 1962, 210) Dank seiner sprudelnden Produktivität und seines kommunikativen Musikstils bekam er genügend Aufführungen. Während eines Besuchs in Los Angeles, wo er mit den Antipoden Schönberg und Strawinsky zusammentraf, erhielt er eher zufällig den Auftrag, die Musik zu einem Film (Bel Ami) zu schreiben. Da er die Musik selbst orchestrieren und dirigieren durfte, behielt Milhaud diese Arbeit im Rückblick in bester Erinnerung.
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